Copyright Update #5: Vor Entscheidung im EU-Parlament trägt Wikipedia schwarz

11-09-18 08:03:00,

Mit dem Internet wurde das Urheberrecht von einem Nischenthema zu einem relevanten Aspekt im digitalen Alltag von uns allen. Unsere Serie Copyright Update widmet sich der Debatte über dessen ausgewogene und zeitgemäße Gestaltung.


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Eines der wichtigsten Grundprinzipien der Wikipedia ist ihr Anspruch, bei ihren Inhalten einen möglichst neutralen Standpunkt einzunehmen. Gerade bei politischen Themen führt das bisweilen zu einem intensiven Ringen, wie so ein neutraler Standpunkt aussehen könnte. Dass dieses Ringen aber transparent nachvollziehbar und zu einem immer nur vorläufigen Ergebnis führt, ist zentrales Qualitätskriterium der Wikipedia. Umso bemerkenswerter ist deshalb, wie heute Besucherinnen und Besucher der Wikipedia auf der Startseite begrüßt werden. Vor einer verdunkelten Wikipedia fordert ein großer Banner dazu auf, ihre Abgeordneten im EU-Parlament zu kontaktieren (siehe Screenshot).

Screenshot der Startseite der deutschsprachigen Wikipedia am 11. September 2018 (besucht mit deutscher IP-Adresse; Besucher mit österreichischer IP-Adresse sehen eine angepasste Version)

In einem Blogeintrag erklären Lilli Iliev und John Weitzmann von Wikimedia Deutschland die Hintergründe für die Aktion. Der Protest der Wikipedia-Community richtet sich gegen die Einführung eines neuen Leistungsschutzrechts für Presseverleger, damit Wikipedia nicht für Quellenverweise auf Presseartikel zahlungspflichtig wird, und warnt vor der Einführung einer Upload-Filterpflicht:

Für Wikipedia als Plattform ist zwar eine Ausnahme vorgesehen, aber schon für das dazugehörige Medienarchiv Wikimedia Commons ist alles andere als sicher, ob diese Ausnahme noch so weit reicht, von unzähligen Projekten außerhalb der Wikimedia-Projekte ganz zu schweigen. Wikipedia ist aber ohne ein digitales Umfeld freier und Freiwilligen-getragener Projekte nicht denkbar.

Iliev und Weitzmann verweisen in ihrem Beitrag auch darauf, dass es bislang erst einmal im Jahr 2012 einen symbolischen „Wikipedia-Blackout“ aus Protest gegen zwei US-Gesetzesvorhaben gegeben hatte. Damals war der Protest sehr erfolgreich und hatte zu einem entscheidenden Meinungsumschwung unter Kongressabgeordneten beigetragen (siehe auch Abbildung).

Kompliziertes Abstimmungsprozedere im Plenum

Ob der Protest in Europa ähnlich erfolgreich ist, wird sich morgen, Mittwoch, zeigen. Allerdings ist das Verfahren komplizierter als 2012 in den USA, da es nicht einfach nur um eine Ablehnung des gesamten Reformvorschlags sondern um konkrete Abänderungsanträge geht. Insgesamt wurden über 200 Anträge eingebracht.

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