kontertext: Abwesende Täter und oberste Richter

18-09-18 09:23:00,

Linda Stibler

Linda Stibler / 18. Sep 2018 –

Wie neue Sprachschöpfungen die Wahrnehmung verändern können.

«Schwer verletzt hat sich eine Autofahrerin, die am vergangenen Freitagabend mit einer Leitplanke kollidierte. Die Unfallursache ist ungeklärt…» Ein Selbstunfall?

«Ein Velofahrer hat sich schwer verletzt, als er vom Hinterrad eines Lastwagens erfasst wurde. Er verstarb auf dem Weg ins Spital.»

Wie bitte? Hat sich der Velofahrer unter den Lastwagen geworfen?

Ein irritierender sprachlicher Wandel ist zu beobachten. Im neuen Sprachgebrauch hat sich jeder, der verletzt wurde, selbst verletzt. Praktisch alle Unfallmeldungen, die in einer Zeitung zu lesen oder im Radio zu hören sind, berichten von Opfern, die sich verletzt haben.

Nun ist die Formulierung sprachlich nicht falsch, aber manchmal irreführend. Einer, der stolpert und dabei die Treppe hinunterfällt, kann sich dabei verletzen, aber einer, der angefahren wird, wird verletzt – von einem andern oder dessen Fahrzeug, wie auch immer. Eine, die in einem Zug sitzt, der entgleist, wird dabei verletzt – sie hat sich nicht selber verletzt.

Kleine Verschiebungen verändern den Sinn

Ich sinniere: Wo entstand diese neue Sprachregelung? Hat sie ihren Ursprung in den Unfallmeldungen der Polizei? Ist sie Ausdruck eines unsicheren Sprachgebrauchs, der sich neutral und nicht vorverurteilend geben will? Was machen Journalisten mit solchen Meldungen? Übernehmen sie sie mechanisch und unreflektiert? Oder verbirgt sich tatsächlich dahinter eine Absicht? Einer, der in einen Unfall verwickelt ist, ist selber schuld? Hier reden wir jedenfalls nicht von Täter und Opfer. Verkehrsunfälle sind individuelles Alltagsschicksal.

Oder ist es einfach Trägheit, wenn Journalisten solche Meldungen wortgetreu wiedergeben, ohne zu reflektieren?

Aber vielleicht ist das zu weit gesucht. Vielleicht liegt es einfach am Zeitgeist. Wo kämen wir denn hin, wenn wir ständig hinterfragen wollten, wer für das Unglück anderer verantwortlich ist.

Unfallmeldungen sind kein Feld der politischen Berichterstattung. Sie berichten über menschliches Unglück, und das interessiert bekanntlich die Leser. Und trotzdem können derartige Meldungen unsere Wahrnehmung verändern, sie könnten sogar manipulativ sein allein durch Zufügen eines Pronomens.

Wer sitzt da «oben»?

Etwas anders verhält es sich mit gängigen Modewörtern, sie sind meistens originell und süffig und scheinbar unpolitisch, auch wenn sie durchaus manipulativ sein können. Wenn in einer Medienberichterstattung oder in einem Interview eine Fachperson zu einem bestimmten Thema befragt wird,

 » Lees verder