Projekt „Deutschland spricht“: Blinde, die andere führen wollen – www.NachDenkSeiten.de

18-09-18 10:22:00,

18. September 2018 um 11:04 Uhr | Verantwortlich:

Projekt „Deutschland spricht“: Blinde, die andere führen wollen

Veröffentlicht in: Demokratie, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Am 23. September sollen zehntausende Menschen in Deutschland, die eine unterschiedliche Meinung zu einem bestimmten Thema haben, miteinander diskutieren. So will es zumindest eine Aktion, hinter der neben dem Bundespräsidenten zahlreiche große Medienhäuser stehen. Das Ziel: Bürger aus ihren „Filterblasen“ rausholen. Ein Stück Realsatire kommt zum Vorschein, wie es irrsinniger kaum sein könnte. Medien, die über viele Jahre das Meinungsspektrum in der öffentlichen Debatte auf den Durchmesser eines Strohhalms verengt haben, inszenieren sich nun als Initiatoren und Moderatoren eines großen Bürgerdialoges. Akteure, die sich selbst in einer für die Demokratie schlimmsten Filterblase unserer Gesellschaft bewegen – der Filterblase „Mainstream“ – zeigen auf die angebliche Filterblase bei den anderen. Von Marcus Klöckner.

Die Ignoranz, die aufseiten großer Medien vorherrscht, lässt tief blicken. Bekannte Medienhäuser, deren hochrangige Vertreter gerne behaupten, zu sagen, „was ist“, also für sich beanspruchen, die Realität so zu zeigen, wie sie ist, zeigen sich wiedermal als Blinde, die andere führen wollen.

Zu dieser Ansicht kann man gelangen, wenn man sich das Projekt „Deutschland spricht“ anschaut. Die Zeit, Zeit Online, Der Spiegel, tagesschau.de, SZ.de und eine Reihe weiterer großer Medien wollen Bürger, die völlig anderer Ansicht zu bestimmten gesellschaftlichen und politischen Themen sind, zusammenbringen. Jeweils paarweise sollen die Bürger sich die Meinung ihres Gegenübers anhören und miteinander diskutieren.

Was ist von dem Projekt zu halten? Oberflächlich betrachtet lässt sich die Aktion sicherlich gutheißen. Es kann nichts schaden, wenn Menschen mit unterschiedlichen Ansichten in einen konstruktiven Dialog miteinander treten. Doch die Absicht der Projektmacher, durch das Arrangieren dieser Gespräche ein Stück dazu beizutragen, dass die tiefen Gräben in unserer Gesellschaft überwunden werden, entlarvt das Projekt als das, was es ist: Augenwischerei.

Wer sich mit dem Projekt etwas genauer auseinandersetzt, muss feststellen, dass hier geschickt die Aufmerksamkeit von jenen Institutionen abgelenkt wird, die maßgeblich an der sozialen Spaltung mitgewirkt haben und letztlich noch immer zu dieser Spaltung beitragen. In der Sinnwelt des Projekts entsteht der Eindruck, dass die Bürger mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Meinungen eine fragmentierte Gesellschaft haben entstehen lassen.

 » Lees verder