Nahrung oder: Die Entpolitisierung des Existenziellen

24-09-18 07:46:00,

Ernährung von Tier und Mensch: Kein politisches Thema?
© B. Mühlethaler

Ernährung von Tier und Mensch: Kein politisches Thema?


Hanspeter Guggenbühl / 24. Sep 2018 –

“Freie Wahl”, “keine Bevormundung”. Die Gegner der Agrarinitiativen haben das Thema Nahrung erfolgreich entpolitisiert.

Die Abstimmenden lehnten am Wochenende die beiden Agrarinitiativen “Fair Food” und “Ernährungssouveränität” deutlich ab. Auf Anhieb ist das unverständlich. Denn gegen fair erzeugte Nahrung und eine eigenständige Nahrungsproduktion gibt es keine vernünftigen Einwände.

Trotzdem ist der Anteil von 61 respektive 68 Prozent Nein-Stimmen keine Überraschung. Denn die anfängliche Zustimmung, die erste Umfragen offenbarten, schmolz schneller als die Gletscher im heissen Sommerklima, nachdem die Wirtschaftsverbände und bürgerlichen Parteien ihre Gegenargumente aufgetischt hatten: “Nein zu steigenden Preisen”, “Nein zu weniger Auswahl”, “Nein zur Bevormundung”, lauteten die drei wichtigsten Argumente des Komitees gegen die beiden Initiativen.

Soll jeder und jede selber entscheiden?

Die meisten Medien setzten diese Botschaft folgsam um: Jeder soll selber entscheiden, was er essen will, befanden sie vor dem Urnengang. Und nach erfolgtem Entscheid wiederholte Tamedia-Redaktor Daniel Foppa diesen Meinungsstrom im Newsnet mit fetten Worten: “Schweizer entscheiden lieber im Laden.”* Und in den Läden, so ergänzte er, “boomen Bioprodukte”. Von wegen “Boom”: Bioprodukte im Schweizer Lebensmittelhandel haben heute einen Marktanteil von nur neun Prozent; beim Konsum von Fleisch, dessen Produktion besonders viel Energie und Nahrungskalorien verschlingt, beträgt der Bio-Anteil gerade mal 5,6 Prozent.

Gewiss, über den Inhalt der beiden Agrar-Initiativen konnte und kann man geteilter Meinung sein. Auch eine Zustimmung hätte keine Gewähr für eine fairere und eigenständigere Nahrungsversorgung geboten. Denn ökologische und soziale Verbesserungen stossen im globalen, mit viel Marktgeschwafel gestützten und viel Bürokratie gefestigten Lebensmittel-Handel auf starken strukturellen Widerstand.

Politisches Desinteresse an der Nahrungsversorgung

Bemerkenswerter als das deutliche Nein zu den beiden Agrarinitiativen ist die tiefe Stimmbeteiligung: Nur 37 Prozent der berechtigten Schweizer Bevölkerung nahmen an dieser Abstimmung teil. Zum Vergleich: Im Schnitt der Jahre 2010 bis 2017 betrug die Stimmbeteiligung immerhin 46 Prozent.

Das politische Desinteresse ist deshalb bedenklich, weil es hier um ein existenzielles Anliegen geht. Denn von der Nahrungsversorgung hängt ab, wie viele Menschen hungern und an Unter-, Fehlernährung oder Völlerei sterben. Sie beeinflusst die Entwicklung der Biodiversität. Weiter entscheidet die Art der Nahrungserzeugung, wie stark Böden ausgelaugt, Lebensräume zerstört,

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