Eine „Kulturnation“ lässt ihre Kinder im Stich – Die Missachtung des Musikunterrichts ist ein Skandal – www.NachDenkSeiten.de

25-09-18 11:55:00,

25. September 2018 um 12:32 Uhr | Verantwortlich:

Eine „Kulturnation“ lässt ihre Kinder im Stich – Die Missachtung des Musikunterrichts ist ein Skandal

Veröffentlicht in: Bildungspolitik, Kultur und Kulturpolitik, Wertedebatte

Die musikalische Bildung wird in Deutschland missachtet. Das ist unsozial, kurzsichtig und gesellschaftlich destruktiv: Die Folgen sind soziale Spaltungen und eine verbreitete kulturelle Ödnis sowie der Verlust von „Soft-Skills“ und die Schaffung gesellschaftlicher Einzelkämpfer. Von Tobias Riegel

Knapp 80 Prozent des Musikunterrichts in Deutschland fallen aus. Bis zu 80 Prozent des stattfindenden Unterrichts werden von fachfremden Seiteneinsteigern ausgeführt. Diese Zahlen des Deutschen Musikrats enttarnen die Lippenbekenntnisse einer sich um Nachwuchs bemühenden wohlhabenden Kulturnation als hohle Phrasen. Ab diesem Mittwoch kommen über 1500 Musikpädagogen aus ganz Deutschland zum 4. Bundeskongress Musikunterricht in Hannover zusammen. Der Präsident des Bundesverbands Musikunterricht Ortwin Nimczik hat zu diesem Anlass erneut vor einer weiteren Abwertung des Schulfachs Musik gewarnt. Man muss ihm zustimmen.

Es ist einerseits Zeichen einer neoliberal dominierten Zeit, dass alles, was nicht direkt verwertbar ist, also auch die Begeisterung für das Musizieren, kurzsichtig vernachlässigt wird – nachdem es als „gestrig“ und „verstaubt“ diffamiert wurde. Andererseits zeigt sich hier eine selbstzerstörerische Ader des Neoliberalismus: Die langfristigen Folgen der Missachtung der Musik sind nicht nur eine kulturelle Ödnis, sondern auch ein Schaden an „liberalen“ Zielen – etwa in Situationen des Wettbewerbs: Die Werke der deutschen Klassik werden zunehmend auch von einer gut ausgebildeten internationalen Konkurrenz dargeboten, mangels Nachwuchs könnte die deutsche Klassik-Elite ins Hintertreffen geraten. Spitzenmusiker werden zwar nicht in der Grundschule ausgebildet – aber genau dort wird vielleicht das eine Kind entflammt, dass später auf den großen Bühnen spielt.

Musik wird zur Privatsache: Benachteiligte Kinder haben Pech gehabt

Aber weder in diesem Text noch in der Realität sollte bezüglich des Musikunterrichts zu sehr auf einen elitären klassischen Kanon abgezielt werden. Denn Musik ist neben der Befriedigung durch eine technische Fertigkeit oder ein erfolgreiches Konzert ein wichtiges Kommunikationsmittel für den Alltag: Das Erlernen eines Instruments, das Spielen in der Band oder im Orchester, das Singen im Chor – es schützt vor Vereinsamung und gibt ganz allgemein Sicherheit. Insofern ist das Musizieren Grundlage für zahlreiche klassische „Soft-Skills“, die im Google-Zeitalter angeblich hohe Wertschätzung erfahren,

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