Volksbefragung in Israel: «Wir sind ein auserwähltes Volk»

Volksbefragung in Israel: «Wir sind ein auserwähltes Volk»

26-09-18 08:08:00,

Christian Müller / 26. Sep 2018 –

Die schärfste Kritik kommt aus dem eigenen Land: Haaretz-Kolumnist Gideon Levy liest seinen Landsleuten die Leviten.

56 Prozent der Israeli glauben, dass die Juden ein von Gott auserwähltes Volk sind. Das ergab eine Umfrage der israelischen Tageszeitung Haaretz. Von jenen Israelis, die sich selber zu den politisch Rechten zählen, sind es sogar 79 Prozent.

Das Resultat dieser Umfrage müsste, so würde man erwarten, auch international ein Echo auslösen. Hat es aber nicht. Zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Ein Kommentar dazu von Ulrich Schmid, dem Israel-Korrespondenten der NZZ, erschien in der NZZ nur auf der Seite «Meinung & Debatte». Er passte wohl zu wenig in die politische Linie der Chefredaktion. Schmid kommt – stark verkürzt zusammengefasst – zum Schluss, dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu gar nicht die treibende Kraft der Palästina-Besetzungspolitik Israels ist, sondern jener, der, als an der Macht interessierter Populist, verhindert, dass die politische Rechte, die Bevölkerungsmehrheit also in Israel, nicht noch Schlimmeres anzettelt. Man dürfe nicht vergessen, dass die Politik in Israel mehr und mehr von den aus Russland eingewanderten Juden bestimmt werde – wie etwa auch der gegenwärtige Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, der 1978 aus der damaligen UdSSR eingewandert war.

In Deutschland war die Selbsteinschätzung als ‘auserwähltes Volk’ (chosen people) eh kein Thema. Seit die Israel-Lobby es erfolgreich durchgesetzt hat, dass Kritik an der Politik Israels offiziell als neue Form des Antisemitismus eingestuft wird, ist Kritik an Israel noch rarer geworden. Wer in Deutschland kann es sich schon leisten, ein Antisemit zu sein – auch wenn er unmissverständlich nur den Staat Israel kritisiert? Es blieb Evelyn Hecht Galinski, der Tochter eines früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, vorbehalten, auf das Resultat dieser Haaretz-Umfrage hinzuweisen.

Man schaue also nach Israel selber, wie die linksliberale Tageszeitung Haaretz, die die Umfrage durchgeführt hat, das Resultat interpretiert und kommentiert. Gideon Levy, prominenter Kolumnist dieser Zeitung und scharfer Kritiker der jetzigen Besetzungspolitik Israels, hebt dabei vor allem einen Punkt hervor: Ob der Einzelne an einen Gott glaubt oder nicht, ist Privatsache und einigermassen unerheblich. Wenn aber eine Mehrheit eines Volkes von sich selber denkt, ein auserwähltes Volk zu sein, also besser zu sein als andere Völker, anderen Völkern überlegen zu sein,

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