Eine unbequeme Wahrheit

Eine unbequeme Wahrheit

06-10-18 08:14:00,

Manchmal ist es erhellend, eine Erkenntnis mit ein paar persönlichen Bemerkungen zu verbinden. Ich gehöre zu den wenigen meiner Generation, welche die Hippie-Bewegung mit vollem Bewusstsein erlebt haben, aber keine Freaks geworden sind, sondern Drogen und freie Liebe schon bald wieder hinter sich ließen. Das Misstrauen gegen die Mächtigen aber ist geblieben und hat in meinem Fall dazu geführt, dass ich mich nie in eine hierarchische Struktur einordnen konnte oder wollte, weder in die Hierarchie einer Rundfunkanstalt noch in die einer großen Firma, einer staatlichen Organisation oder der deutschen Hochschul-Wissenschaft. Das erklärt meine Distanz zum System und aus der Distanz hat man einen besseren Überblick.

Die Zeiten vor fünfzig Jahren ohne PC, Laptop und Smartphone waren erstaunlich kommunikativ, es gab eine Bewusstseinserweiterung nach der anderen, auch ohne LSD. Daher war sich die Jugend so sicher, dass Love and Peace nicht nur Schlagworte, sondern Ideale sind, die für den Rest des Lebens gelten.

Ein besonders sinnreicher, wenn auch unscheinbarer, Spruch ist der Satz von Bob Dylan:

Don’t think twice! Also: „Denke nicht zweimal!″

Das ist kein Sponti-Spruch, sondern eine Faustregel für den Umgang mit der eigenen Intelligenz. Man sollte versuchen, den ersten Gedanken zu verfolgen. Also nicht ohne zu denken handeln, aber auch nicht zweimal denken, ohne zu Handeln.

Wenn die Synapsen sich beim ersten Denken zusammenfügen, soll man sie erst einmal so belassen. Die erste Möglichkeit, die aufleuchtet, nicht mit einem zweiten Gedanken schon verwerfen. Das ist etwas, das gerade intelligente und gebildete Leute (dazu gehören ja auch einige Politiker) immer wieder falsch machen, sie übergehen das Nächstliegende zugunsten von Lösungen zweiten Grades.

Wenn es überall zu viel Müll und Abfälle gibt, ist wohl der erste Gedanke: Die Abfallmenge reduzieren! Doch diese Idee wurde nicht durchgesetzt. Reduzierung entspricht nicht dem System von Konsumgesellschaft und Wirtschaftswachstum. Stattdessen hat man sich als zweites die Abfalltrennung ausgedacht: Graue Tonne, gelbe Tonne, grüne Tonne, blaue Tonne…

Nichts gegen Mülltrennung, sie ist ein Fortschritt, doch sie verleitet die Konsumbürger dazu, den ersten und besten Gedanken, Reduzierung des Abfalls durch Begrenzung des Konsums zu verdrängen und dann schnell zu vergessen.

Was mit dem zweitklassigen zweiten Nachdenken zusammen hängt, ist eine andere Unsitte: Wenn jemand einen konkreten Vorschlag macht, sucht man gleich nach einem Gegenargument, anstatt darüber nachzudenken,

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