Das Skripal-Märchen

12-10-18 10:11:00,

Wie so oft kommt die Inspiration für einen Artikel meist spontan. Vor einigen Tagen bin ich bei Spiegel Online auf den Artikel mit dem Titel „Fall Skripal – wie Russlands stümperhafte Agenten Wladimir Putin blamieren“ gestoßen. Selbstverständlich habe ich nicht weitergelesen, denn ich habe mir schon vor Jahren abgewöhnt, den Spiegel zu lesen. Dennoch veranlasste mich dieser Titel dazu, ein altes russisches Märchen in meinem Gedächtnis aufzufrischen.

Das Märchen heißt „Brei aus einer Axt“. Darin geht es um einen einfachen Soldaten, der auf seinem Weg nach Hause an der Tür eines Hauses klopft und um eine Mahlzeit bittet. Die alte Frau, die das Haus bewohnt, erweist sich als ziemlich geizig, und so versucht es der Soldat mit einer List.

Er verspricht der Frau, einen Brei einzig und allein aus ihrer Axt zu kochen, wenn sie ihm nur einen großen Topf und heißes Wasser gibt. Als die Axt dann kocht, bittet der Soldat zuerst noch um ein wenig Salz, dann um eine Handvoll Grütze, schließlich um ein Stück Butter. Am Ende löffeln die Beiden den Brei aus, und die alte Frau wundert sich, wie man denn aus einer Axt so etwas Leckeres kochen könne.

Ich weiß nicht, ob in Großbritannien irgendjemand dieses Märchen kennt. Vielleicht gibt es aber auch eine eigene britische Entsprechung dazu. Das Rezept des Breis aus einer Axt ähnelt jedenfalls ziemlich der Kochanleitung für das seit März von der britischen Regierung aufgetischte Gericht Skripal. Einzig die Zutaten des letzteren sind nicht sonderlich frisch.

Man nehme einen abgelaufenen Doppelagenten, eine seit 2010 offiziell nicht mehr verwendete Bezeichnung eines Geheimdienstes (1) – geschenkt, dass die Chefin und die Gäste keine Ahnung haben, aber die Köche sollten es schon wissen –, dazu ein wenig von nichts als Beweis, ganz viel von fehlender Logik und eine nicht näher identifizierbare Soße. Dann das Ganze hochkochen und das Gericht schließlich überall servieren lassen – von Fast Food Joints wie der Sun oder der Bild bis zu selbsternannten Drei-Sterne-Restaurants wie der Times oder eben dem Spiegel.

Gleicher Ursprung, gleiche Verpackung, gleicher Inhalt oder, genau genommen, dessen Abwesenheit – politisch-mediales Franchising in Perfektion, auf das die meist eher desinteressierten Leser genauso reinfallen wie auf etwaige, nachweislich ungesunde Burger und Chicken Wings.

Übrigens, am Ende des russischen Märchens nahm der Soldat die Axt mit.

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