Eliten-Forscher: Eine kleine Gruppe bringt die Demokratie in Gefahr

22-10-18 06:31:00,

Sie sitzen in den obersten Etagen der Wirtschaft und sind eng mit Regierung und Medien verzahnt. Rund 4.000 Menschen in Deutschland und 1.000 in Österreich zählt der Soziologe Michael Hartmann zur „Elite“. Sie selbst stammen aus großbürgerlichen Familien und haben es wieder in Top-Positionen geschafft. Und jedes Jahr trennt sie noch mehr vom Rest der Gesellschaft: Die soziale Ungleichheit nimmt zu und bleibt für die Elite eine abstrakte Diskussion – denn sie wissen nicht, wie normale Menschen leben und kennen niemanden, der von existenziellen Sorgen geplagt ist. Trotz ihrer Abgehobenheit treffen sie Entscheidungen, die uns alle betreffen, wie uns Hartmann im Interview erklärt. 

Kontrast:  Elite ist ein häufig verwendeter Begriff, was bedeutet Elite für Sie? 

Hartmann: Die Elite ist sehr klein. In Deutschland spricht man immer ungefähr von 4.000 Personen, in Österreich wahrscheinlich von nur 1.000. Das obere Bürgertum ist das Rekrutierungsfeld der Eliten. Das Merkmal der Eliten ist, dass sie durch ihr Amt oder ihr Eigentum gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich beeinflussen können. Zum Bürgertum gehört etwa auch ein gutverdienender Arzt, aber der hat nicht unbedingt gesellschaftlichen Einfluss. Dafür muss man schon in hohen politischen Ämtern, Justiz- oder Verwaltungspositionen oder eben in hohen Positionen in der Wirtschaft sitzen.

Kontrast:  Wer gehört konkret zur Elite? 

Hartmann: In der Wirtschaft die Vorstandsmitglieder und Aufsichtsräte, in den Medien die Chefredakteure und Herausgeber. In der Politik sind das Regierungsmitglieder, Landespolitiker, hohe Verwaltungsbeamte wie Staatssekretäre oder Abteilungsleiter in Ministerien. In der Justiz sind es im Wesentlichen die Bundesrichter und Verfassungsrichter. Grob gesagt 40% aus der Wirtschaft, 40% im Staat und dann noch ein kleiner buntgemischter Rest.

Die Elite begreift nicht, wie normale Menschen leben

Kontrast:  Sie widmen sich dem Thema Eliten seit den 1970er Jahren – sind die heutigen Eliten abgehobener als früher? 

Hartmann: Die Wirtschaftselite war immer sehr exklusiv. Vier von fünf stammen aus den oberen 4% der Bevölkerung. In der politischen Elite war das lange nicht der Fall. Da stammten bis in die 90er Jahre zu gut zwei Drittel aus der breiten Bevölkerung. Das hat sich im letzten Jahrzehnt umgekehrt.

Das heißt: Es stammen auf einmal auch zwei Drittel der politischen Elite aus dem Großbürgertum. Die Verbindungen zwischen der Polit- und Wirtschaftselite sind viel enger geworden. Ob sie es wollen oder nicht, aber es wird für die Elite dadurch zunehmend schwerer zu begreifen,

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