Die Frau, die die Kernspaltung erklärte

28-10-18 07:29:00,

Lise Meitner mit Studenten auf den Stufen des Chemiegebäudes des Bryn Mawr College. Bild: Bryn Mawr College/CC BY-2.0

Lise Meitner erhielt nie den Nobelpreis und weigerte sich, Forschungsaufträge für den Bau einer alliierten Atombombe anzunehmen

Mit Donna Strickland wurde 2018 erst zum dritten Mal eine Frau mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet, nach Marie Curie 1903 und Maria Goeppert-Mayer 1963 (nur die Ökonomen haben mit einer einzigen noch weniger weibliche Nobelpreisträgerinnen, allerdings wird der Wirtschaftsnobelpreis erst seit 1969 vergeben). Die wohl bekannteste Physikerin, die ohne Nobelpreis blieb, und neben Marie Curie wohl die bekannteste Physikerin aller Zeiten, ist Lise Meitner, deren Todestag sich in diesen Tagen zum 50. und deren bedeutendste Entdeckung sich demnächst zum 80. Mal jährt.

Im Jahr 1938 führte Lise Meitner zusammen mit ihrem Forscherkollegen Otto Hahn und dessen Assistenten Fritz Straßmann Experimente mit Urankernen durch. Inmitten dieser Experimente musste die ursprünglich österreichische Staatsbürgerin (daher vor Verfolgung geschützt) als Jüdin Hals über Kopf aus Berlin fliehen, da sie mit der Annektierung Österreichs nun deutsch geworden und durch die nationalsozialistische Judenverfolgung mit einem Mal in Lebensgefahr geraten war. Mit Otto Hahns Hilfe floh sie über Holland und Dänemark nach Stockholm, um am dortigen Nobel-Institut weiterzuarbeiten.

Die Kommunikation mit ihrem Forschungskollegen erhielt sich über Briefe aufrecht. Im Dezember 1938 erreichte sie ein Brief Hahns, in dem dieser ihr berichtete, dass beim Beschießen des Uranatoms (92 Protonen) mit verlangsamten Neutronen Bariumatome entstanden waren. Bariumatome besitzen eine Kernladungszahl von 56! Hahn bat Meitner, über dieses Ergebnis nachzudenken. Die Physiker in seinem Institut hatte Hahn nicht informiert; Lise Meitner war als einzige über alle Experimente und Ergebnisse aus Berlin unterrichtet (hier zeigte Otto Hahn einen erstaunlichen Mut: Menschen waren in Deutschland des Jahres 1938 für weit geringere Vergehen ins KZ gekommen, als dass ein deutscher Institutsdirektor seine emigrierte jüdisch stämmige Kollegin zuerst über eine Jahrhundert-Entdeckung informiert).

Zusammen mit ihrem Neffen, dem Physiker Otto Frisch, brütete Lise Meitner während eines Spaziergangs im winterlichen Schnee in Kungälv in Schweden (wo beide die Weihnachtsferien verbrachten) über diesem Ergebnis. Konnte es wirklich sein, dass der Urankern gespalten worden war? Zurück im Haus (oder, wie es teils anekdotisch heißt, auf einem Baumstamm auf ihrem Weg) führte sie auf der Basis des “Wassertropfenmodells”

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