Haddad vs. Bolsonaro – Brasiliens dramatische Stichwahl zwischen Demokratie und autoritärem Unrechtsstaat – www.NachDenkSeiten.de

28-10-18 09:17:00,

27. Oktober 2018 um 11:45 Uhr | Verantwortlich:

Haddad vs. Bolsonaro – Brasiliens dramatische Stichwahl zwischen Demokratie und autoritärem Unrechtsstaat

Veröffentlicht in: Demoskopie/Umfragen, Länderberichte, Lobbyismus und politische Korruption, Rechte Gefahr, Wahlen

Am vergangenen 21. Oktober schienen die Millionenstädte Rio de Janeiro und São Paulo in Dystopien aus dem Reich der Literatur und des Science-Fiction-Kinos verwandelt. Zigtausende in Gelbgrün gekleidete Menschen lauschten kurzen, von langen Pausen unterbrochenen und aus der Ferne auf Leinwände unter offenem Himmel projizierten Sätzen eines Mannes, der aus einem Hausgarten seine Drohungen in ein Handy bellte. Ein Bericht von Frederico Füllgraf.

Ja, er sprach nicht wie ein normaler Mensch, sein Körper schwankte hin und her, er schlug einen kläffenden Ton an. „Lasst uns die roten Kriminellen von der Landkarte Brasiliens fegen!”. „Dieses Gesockse, will es weiter hierbleiben, wird es sich dem Gesetz von uns allen unterordnen müssen! Entweder sie verlassen das Land oder sie landen im Gefängnis!”, lautete seine Drohung. Entlang São Paulos Nobelallee Paulista standen parkende Autos, die die Rede per Lautsprecher verstärkten. Vor der Leinwand geriet die Menge in Ekstase, erhob die Arme und jubelte dem “Big Brother” mit der Anbetung zu: „Der Mythos – unser Mythos!”.

Die Szene schien eine verblüffende Laien-Neuinszenierung jener „Two Minutes Hate“- („Zwei-Minuten-Hass”)-Passage in George Orwells Polit-Klassiker „1984” und seiner genialen Filmfassung Michael Radfords, mit John Hurt und Richard Burton in den Hauptrollen. In jenem täglichen Ritual mussten die Anhänger des Faschistenführers Ozeaniens sich einen Film über die Feinde der Partei ansehen und sich dabei zwei Minuten lang ihren tiefen Hass aus der verfinsterten Seele brüllen. Das schaffte der Zeremonienmeister mit dem Handy, der nicht Emmanuel Goldstein wie in Buch und Film, sondern Jair Bolsonaro heißt.

Wenige Tage vor der Stichwahl, aus der am 28. Oktober der brasilianische Präsident für die kommenden vier Jahre hervorgehen wird, steht das größte Land Lateinamerikas unter Strom und versetzt auch einen Großteil der Welt in Spannung. Wie bekannt führt bisher der Ex-Hauptmann des Heeres als Favorit die Umfragen an, weshalb selbst die Mehrheit der konservativen internationalen Leitmedien, die vor drei Jahren noch für eine illegale Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff Stimmung machten, Warnungen vor einem autoritären,

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