der-nichtwahler

29-10-18 09:03:00,

Das Wappen des Nichtwählers. Abhängig davon, welchen Menschen ich gegenübertrete, trage ich es entweder mit stolz geschwellter Brust, bei anderen verberge ich es hinter meinem Rücken. Ich mache es davon abhängig, ob ich meinem Gegenüber die blasphemische Sichtweise emotional zutraue, die ich auf das Wahlsystem und damit auf unser „demokratisches“ Deutschland habe. Die meisten reagieren mit Empörung, manche mit Unverständnis – welches sich manchmal in Verständnis umwandeln kann – und bei ganz wenigen möchte ich mich zu diesem Thema nicht äußern, da ich die ernsthafte Befürchtung hege, ihr Weltbild gefährlich ins Wanken zu bringen und damit auch das emotionale Gerüst in Mitleidenschaft zu ziehen.

Dieses Jahr war die Debatte noch um ein Vielfaches aufgeheizter, da es nach dem Bayerischen Polizeiaufgabengesetz und dem Bayerischen Psychisch-Krankenhilfegesetz galt, die CSU zu besiegen und dem Rechtsruck entgegenzutreten. Wer hier nicht wählen ging, der galt als indirekter Unterstützer der Rechten. Ein äußerst interessantes Argument, welches später noch ausführlicher behandelt werden soll. Ebenso die Thematik rund um das zunehmend autoritär werdende Bayern, was alles andere als in meinem Interesse liegt!

Und genau wie bei der vergangenen Bundestagswahl kursierte erneut die politische Milchmädchenrechnung in den sozialen Netzwerken, nach der nur genügend Wähler die AfD an der 5-Prozent-Hürde scheitern lassen könnten:

100 Wahlberechtigte

75 gehen hin

3 wählen AfD

=4,0 Prozent

100 Wahlberechtigte

50 gehen hin

3 wählen AfD

=6,0 Prozent

Blöd nur, dass in dieser Milchmädchenrechnung wie in Jean de La Fontaines Fabel „Die Milchfrau und die Milchkanne“ die Milch verschüttet wird. Warum? Laut dieser mathematischen Vereinfachung fußt die Forderung, von seiner Stimme Gebrauch zu machen, auf der Existenz der AfD. Verschwindet diese Partei bei der nächsten Wahl, verschwände mit ihr die Notwendigkeit des Wahlgangs. Wenn es keine AfD mehr gibt, müsste man dieser Logik nach auch nicht mehr dringend wählen gehen.

Natürlich würde kaum ein Wähler dieser Schlussfolgerung zustimmen. Gleichzeitig schlussfolgern viele, man könne rechtes Gedankengut bekämpfen, indem man die rechte Strömung gewaltsam unter die Sperrklausel von 5 Prozent drücke. Aber so einfach ist das nicht. Genauso wenig, wie die durch rechte Ablassventile strömende Frustration der Bevölkerung nicht vom Himmel gefallen ist, genauso wenig verschwindet diese einfach, wenn sie vor den Toren des Bundestages erfriert.

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