das-ende-einer-ara

02-11-18 11:01:00,

„Wenn einer, der mit Mühe kaum

Gekrochen ist auf einen Baum,

Schon meint, daß er ein Vogel wär,

So irrt sich der“ — Wilhelm Busch.

Mit ihrer Aussage, sie hätte sich nach reiflicher Überlegung entschieden, zum vierten Mal für das Amt der Bundeskanzlerin zu kandidieren, bin ich seinerzeit nicht zurechtgekommen. Warum tut sie sich das an, habe ich mich gefragt. Warum entscheidet sie sich nicht für ein verdientes Privatleben, jetzt, auf dem Höhepunkt ihrer allgemeinen Beliebtheit? Dreifache Kanzlerschaft erfolgreich gestalten, das muss ihr erst einmal einer nachmachen — von ihrem Vorgänger Kohl mal abgesehen.

Jetzt aber glaube ich zu wissen, warum sie sich für eine weitere Amtsperiode entschieden hat. Den entscheidenden Hinweis gab sie in einem Interview mit Anne Will letztes Jahr vor der Wahl. „Ich bin neugierig und hab noch Energie“, gab sie in etwa als Grund für eine erneute Kanzlerkandidatur an. Also nicht irgendwelche Projekte zu Ende führen oder Probleme lösen wollte sie — zum Beispiel Schaden vom deutschen Volk abwenden –, nein, das war alles nicht wichtig genug für sie.

Jetzt weiß ich, ihr ging es um etwas ganz anderes: Sie wollte ausprobieren, wie es ist, wenn sie ‚Kanzlerin‘ nur schauspielert. Das kann ich gut verstehen. Über viele Jahre war ihre Kanzlerschaft die ernsteste Sache der Welt. Das ist auf die Dauer sehr ermüdend und weckt natürlich den Wunsch, einmal anders daherzukommen: leichtfüßiger, spielerischer, lustiger.

Die Bevölkerung in ihrer verdruckten Politikverdrossenheit mal etwas aufheitern oder sogar zum Lachen bringen, eine völlig neue Sichtweise auf sie als Kanzlerin provozieren, das war dann wohl ihr Wunsch. Und sie selbst konnte endlich ihrer Liebe zum Theater frönen und in der gewählten Rolle als Kanzlerin zeigen, wie lebensecht sie schauspielern kann.

Und dann, nach ihren ersten beiden Auftritten — der Regierungsbildung und der Auseinandersetzung mit der CSU in der Asylpolitik — muss ich sagen: Donnerwettstock, das hätte ich ihr nicht zugetraut, das war eine reife schauspielerische Leistung!

Sie hat ihre Kanzlerin-Rolle so gut gespielt, dass niemand auf die Idee gekommen ist, dass das Ganze nur Spaß war und perfekte Unterhaltung. Nur wer genau hinschaute, konnte vielleicht mitbekommen, wie sie bei all dem Theater oft ein leichtes Schmunzeln im Gesicht und offensichtlich viel Freude hatte.

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