1968-als-katholische-geistliche-eine-revolution-ansagten

06-11-18 10:27:00,

Christian Müller / 06. Nov 2018 –

Warum erinnert niemand an «Medellin 1968», wo die lateinamerikanische Bischofskonferenz der Kirche einen Wandel verordnete?

Das Jahr 1968 war für die Journalisten ein besonders ereignisreiches und ist heute für die Historiker ein besonders interessantes. Die Studentenunruhen in Berlin, in Paris, ein wenig auch in Zürich. Der Prager Frühling. In den USA die Erfolge des Civil Rights Movement gegen die Rassentrennung und 1968 die Ermordung des Vorkämpfers Martin Luther King. Es war tatsächlich, als ginge ein Geist des Aufbruchs durch die westliche Welt – begleitet von zahlreichen Demos und vielerorts auch gewalttätigen Auseinandersetzungen und nicht selten auch mit tragischem Ausgang. Rückblickend läuft die ganze Thematik unter dem Begriff «68er Bewegung». Und so wurden in den letzten Monaten aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums dieses ausserordentlichen Jahres 1968 auch zahlreiche Rückblicke publiziert – in den meisten Medien mit eher negativer Beurteilung und mit Genugtuung oder gar Freude darüber, dass diese Bewegungen und Ereignisse heute nur noch «Geschichte» sind.

Lateinamerika blieb wenig beachtet – kein Zufall!

Ein aktueller Blick in die Medien-Archive dieses Jahres zeigt: Rückblicke auf jene Zeit in Lateinamerika fehlen weitgehend. Aber gerade in Lateinamerika war jene Zeit ein höchst bemerkenswerte. Im Anschluss an das von Papst Johannes XXIII. initiierte Zweite Vatikanische Konzil 1962 bis 1965, das auf Öffnung und Modernisierung der Katholischen Kirche ausgerichtet war, zeichnete sich in Lateinamerika innerhalb der Katholischen Kirche ein spürbarer Sinneswandel ab: Mehr und mehr Vertreter des Klerus – von einfachen Priestern bis hinauf zu den einflussreichsten Kardinälen – suchten den persönlichen Kontakt zu den den Armen in den Elendsvierteln, zu den brotlosen Landarbeitern, ja ganz generell zu den Unterprivilegierten, und sie forderten lauthals ein Umdenken: Die Katholische Kirche müsse sich (endlich) auf die Seite der Armen stellen und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich bekämpfen – auch politisch. Rückblickend heisst diese Bewegung die «Theologie der Befreiung» – in Anlehnung an das 1973 erschienene Buch «Teología de la Liberación» des peruanischen Geistlichen und Hochschul-Professors Gustavo Gutiérrez.

Im Jahr 1968 kam es zum unerwarteten – aber geradezu spektakulären – Aufruf. In Medellin in Kolumbien fand die Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats statt. Die weit über hundert Bischöfe und Kardinäle aus über zwanzig Ländern fassten gemeinsame Beschlüsse und publizierten Empfehlungen an die ganze lateinamerikanische katholische Geistlichkeit: Es ist Zeit für einen umfassenden Wandel!

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