die-menschenfeindlichkeit

08-11-18 09:24:00,

Kürzlich konnte ich erleben, wie eine Kollegin in der Tageswerkstätte für jugendliche und erwachsene Menschen, in der wir beide arbeiten, einen richtigen Wutanfall hatte. Sie musste sich empört darüber Luft machen, dass ein von ihr betreuter Mitarbeiter nun schon die zweite Woche im Krankenstand war — ohne ein absehbares Ende. Im Gespräch mit dessen Eltern hatte sie soeben erfahren, dass die Behandlung seiner heftigen Zahnschmerzen noch immer nicht organisiert werden konnte.

Im professionellen Umgang mit Menschen mit Behinderung benötigt man unter anderem viel Geduld, eine hohe Frustrationstoleranz und Flexibilität — aber irgendwann stößt man an seine Grenzen. Die Vorstellung, einen kognitiv eingeschränkten Menschen mit akuten Schmerzen überhaupt mehrere Tage auf eine Behandlung warten zu lassen, fand meine Kollegin schon schrecklich, aber nach mehr als einer Woche noch immer keinen Termin zu haben? Nur die Aussicht — wahrscheinlich — in den nächsten beiden Wochen irgendwann „dazwischengeschoben“ zu werden?

Was ein solcher, als Dauerzustand erlebter Schmerz für einen Menschen mit einer intellektuellen Behinderung bedeutet, kann man sich kaum vorstellen. Aber meine Kollegin hat eine weitere sehr wichtige Fähigkeit für die Arbeit mit Menschen mit Behinderung: Empathie — und die ließ sie vor lauter Empörung über eine derartige Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit fast verzweifeln.

Ich kenne den Mann, um den es sich hier handelt, ebenfalls sehr gut. Er ist Mitte dreißig und ich habe ihn mehr als fünf Jahre in meiner Werkstatt betreut. Das ist schon einige Jahre her, aber ich kann mich erinnern, dass er damals auch einmal außer der Reihe eine zahnärztliche Behandlung brauchte — aber das war nach zwei oder drei Tagen erledigt. Oder täusche ich mich? Habe ich die Wartezeit falsch in Erinnerung?

Ich hänge meinen eigenen Gedanken nach und erinnere mich daran, was es für die Eltern dieses Mannes jedesmal bedeutete, ihn zu einer Behandlung zu bewegen. Eine Behandlung unter Vollnarkose — denn er würde sich freiwillig nicht einmal in eine normale Arztpraxis begeben, geschweige denn eine wie auch immer geartete Untersuchung oder Behandlung über sich ergehen lassen … Ein bisschen kann ich ihn verstehen, ich brauche auch immer einen willensstarken, vernünftigen und sehr erwachsenen Anteil in mir selbst, um mich zu einem Termin beim Zahnarzt überwinden zu können.

Während meine Kollegin sich zu Recht über die Dreistigkeit empört, einen Menschen mit Behinderung so lange auf eine Behandlung seiner Zahnschmerzen warten zu lassen,

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