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10-11-18 03:38:00,

Thilo Sarrazin ist ein Mann der „exakten Wissenschaften“. Allem Anschein nach ist er auch ein Mensch, der sehr auf Ordnung und Autorität bedacht ist. Als Finanzexperte liebt er es, mit langen Zahlenreihen, mit Prozentrelationen sowie mit statistischen Daten zu arbeiten und seine Ergebnisse in zum Teil umfangreichen Tabellen darzustellen.

Sarrazin arbeitet selektiv, liefert dabei aber auch interessante Informationen, beispielsweise zur demografischen Entwicklung, zu Bildungsabschlüssen oder zum Stand des Bruttoinlandsprodukts in den verschiedenen Regionen der Welt, und weist auf Zusammenhänge hin, die durchaus eines näheren Nachdenkens wert sind.

Allgemein stößt eine solche Herangehensweise — auf Grund der zu erwartenden Objektivität und der scheinbaren Eindeutigkeit ihrer Ergebnisse — bei vielen Menschen auf großes Vertrauen und eine hohe Akzeptanz.

An ihre Grenzen gerät dieses Vorgehen allerdings dann, wenn bei der Interpretation der gesammelten Daten auch solche Dinge und Verhaltensweisen zur Sprache kommen, die sich nur schwer quantifizieren lassen, und deren exakte Messbarkeit meist von vornherein nicht gegeben ist. Betroffen sind davon vor allem Beiträge und Darstellungen, bei denen es um Aussagen geht, die die Psyche der Menschen, ihre Gefühle und Emotionen betreffen. Zum Beweis der Richtigkeit derartiger Aussagen lassen sich die Methoden der exakten Wissenschaften kaum mehr heranziehen. Sie sind dafür einfach ungeeignet.

Die auf diese Weise verloren gegangene Autorität der Zahlen und Statistiken kann dann aber — mehr oder weniger erfolgreich — durch die Autorität anerkannter Persönlichkeiten ersetzt werden und genauso macht es auch Thilo Sarrazin.

Zum Beweis für die Richtigkeit seiner These, dass das menschliche Mitgefühl wie auch die Nächstenliebe nie allgemein, sondern immer nur begrenzt auf die uns jeweils nahe stehenden Menschen gelebt werden können, bezieht sich Sarrazin ausschließlich auf die Autorität von Jesus — eine der größten moralischen Autoritäten, die es überhaupt gibt — und behauptet:

„Jesu Wort ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ umfasst ja nicht die ganze Menschheit, sondern zielt auf das jeweilige persönliche Umfeld ab“ (1).

Für die nicht zum persönlichen Umfeld gehörenden Fremden würde demnach die christliche Menschenliebe nur noch eingeschränkt oder aber überhaupt nicht mehr gelten.

In seiner Deutung lässt Sarrazin allerdings unerwähnt, dass sich Jesus bei seiner Aussage ausdrücklich auf das Alte Testament bezieht, wo diese Aussage dann auch nahezu wortwörtlich zu finden ist (2). Und noch im gleichen Zusammenhang heißt es im Alten Testament weiter:

„Unterdrückt nicht die Fremden,

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