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07-12-18 01:02:00,

Freires Pädagogik zeigt dreierlei: Menschen können den Weg ihrer politischen Emanzipation aus eigener Kraft gehen, wenn sie als Subjekte wahrgenommen und respektiert werden. Vertrauen in die Menschen und in ihr unerschöpfliches Potential bringt ihre besten Fähigkeiten hervor. Die Erfahrung menschlicher Verbundenheit und solidarischer Gegenseitigkeit kann zur Grundlage einer „authentischen Demokratie“ werden.

Im Kontext einer neoliberalen Strategie, die auf Isolierung des Einzelnen, auf Aushöhlung der menschlichen Person und Zersetzung eines autonomen, widerständigen Selbst‘ gerichtet ist, erscheint Freires Ansatz wie eine Immuntherapie und ein heilsames Medikament für ein krankes System.

Etwas scheint aktuell in Bewegung zu geraten in unserer Gesellschaft. Zehntausende gehen in diesem Herbst auf die Straße. Die Energie-Wende-Bewegung erstarkt, neue soziale Bewegungen wie etwa die Mieterbewegung oder „Aufstehen — Die Sammlungsbewegung“ nehmen Fahrt auf.

Werden die öffentlichen Proteste bald wie ein Strohfeuer verpuffen? Oder wird daraus eine dauerhafte Glut werden, in der sich die innermenschlichen und äußerlich-strukturellen Bedingungen einer neuen, wirklich demokratischen und humanen Gesellschaft formen können? Paulo Freires Pädagogik bietet sich hierzu als Inspirationsquelle an.

Paulo Freire (1921-1997) wird in Recife, einer Stadt in der ärmsten Region Brasiliens geboren. Er wächst mit der Erfahrung von Hunger und Elend auf. Schon als Jugendlicher beschließt er, sein Leben dem Kampf gegen Armut und Unterdrückung zu widmen. Er studiert zunächst Jura, wechselt dann aber in das Fach Pädagogik. Er promoviert mit einer Alphabetisierungsmethode, die es ermöglicht, innerhalb von 40 Stunden Lesen und Schreiben zu lernen.

Unter dem liberalen Präsidenten João Goulart wird seine Methode zur Grundlage einer landesweiten Alphabetisierungskampagne. Der Militärputsch von 1964 bringt dieses Projekt zu einem gewaltsamen Ende. Freire geht ins Exil nach Chile. Hier erscheint 1970 sein bekanntestes Werk: „Pädagogik der Unterdrückten — Bildung als Praxis der Freiheit.“

Nach dem Putsch gegen Salvador Allende 1973 arbeitet er für den Weltkirchenrat in Genf. Von dort aus berät er die jungen, aus portugiesischer Kolonialherrschaft befreiten Staaten Afrikas und unterstützt die Alphabetisierungskampagne in Nicaragua. 1980 kehrt Freire als letzter Exilant nach Brasilien zurück. Er wird Mitbegründer der Partei der Arbeiter (PT) und übernimmt Funktionen im Bildungsbereich (1).

Freire sieht sich als Marxist und Christ. Revolution ist für ihn kein einmaliges Ereignis. Die Revolution, so Freire, vollzieht sich in einem Bildungsprozess, in dem die Teilnehmenden selbst zu Subjekten ihrer Befreiung werden. Sein Konzept einer „Bildung als Praxis der Freiheit“ will den Menschen ihre eigene Denk-,

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