kindheit-ist-keine-insel

08-12-18 09:18:00,

Die romantische Vorstellung, dass Kindheit in einem geschützten Raum stattfindet, ist weit verbreitet und falsch. Diese Gesellschaft ist geprägt von der Vorstellung, dass nur gut ist, was Gewinn verspricht. Alle Ressourcen dieser Erde inklusive der menschlichen werden nach ihrer Verwertbarkeit beurteilt, benutzt und meistens verschlissen. Warum sollten Kinder davor geschützt sein, wenn nicht einmal die Luft und das Wasser, geschweige denn Fauna und Flora als unsere Lebensgrundlagen in Sicherheit sind?

Wie Menschen heute arbeiten, was sie essen, wann sie schlafen, wie sie wohnen, wie sie miteinander umgehen — das alles hat Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern. Noch vor einigen Jahren war es in den alten Bundesländern undenkbar, dass Kinder unter drei Jahren morgens sehr früh aus dem Bett geholt wurden, damit sie pünktlich in der Kita ankommen. Heute ist das Alltag.

In den neuen Bundesländern hatte der Staat beschlossen, dass alle Frauen in der Wirtschaft gebraucht werden und es gab sogar Kindertagesheime, in denen Kinder von Montagmorgen bis Freitagnachmittag durchgängig betreut wurden. Das fanden die Wessis früher furchtbar. Heute geben sie vier Monate alte Säuglinge ganztags in der Kita ab und nennen es Bildung.

Interessanterweise sind die frühe Betreuung und seine Folgen in der ehemaligen DDR bis heute kein großes Thema in Wissenschaft und Forschung. Wer will‘s auch wissen?

Der Takt der Wirtschaft ist zum Lebensrhythmus der Familien geworden. Dazu gehört auch, dass Kinder nicht krank werden dürfen, weil Eltern dann nicht arbeiten gehen können. Kinder werden genau wie die Erwachsenen mit Medikamenten abgefüllt und wieder auf die Piste geschickt.

Man kann gut verstehen, dass Eltern alles tun, um ihren Job zu behalten oder durch intensives Karrierestreben mehr — vermeintliche — Sicherheit zu erlangen. Das haben sie schon als Kinder gelernt. Und das geben sie an ihre Kinder weiter. Wahrscheinlich tun das alle Eltern dieser Welt. Ihre eigenen Kinder sollen es mal gut oder besser haben als sie.

Die neuere Botschaft an die Kinder ist aber anders. Sie lautet: Sei um Gottes Willen so, dass du nicht auffällst — am besten von Geburt an, dann kannst du allen Anforderungen genügen und bist einigermaßen sicher davor, ein Verlierer, ein Versager zu werden. Und wenn du anders bist, dann tu wenigstens so, als wärst du so wie alle anderen, die auch versuchen so zu sein wie alle anderen.

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