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12-12-18 10:15:00,

In meiner Schulzeit galt das Petzen unter Schülern als unsittlich. Wer zum Lehrer rannte, war sehr schnell bekannt und unbeliebt. In der politischen Landschaft scheint es neuerdings jedoch so, als würde sich das Petzen zu einer Tugend aufschwingen. Außerdem kann es heute vorkommen, dass Lehrer nicht mehr länger Adressaten, sondern Gegenstand der Petze werden. So eröffnete dieses Jahr die AfD Hamburg eine Plattform, auf der Eltern und Schüler Lehrer verpetzen respektive melden konnten, wenn diese „linke Propaganda“ betrieben.

Das Erstellen von Plattformen oder von Listen, auf denen unliebsame Personen denunziert werden, hält sich „links“ und „rechts“ nicht ganz die Waage. So rief dieses Frühjahr der Gesinnungs-Satiriker Jan Böhmermann die Internetbewegung „Reconquista Internet“ ins Leben. Diese verbreitete Listen mit Twitter-Accounts (vermeintlich) rechter Persönlichkeiten, deren Sperrung gefordert wurde. Diese Bewegung umfasste binnen kürzester Zeit 50.000 Nutzer.

Hier erreichte das Petzen eine neue Dimension, da nicht durch Menschen, sondern durch einen Algorithmus verpetzt wird: Cyber-Snitching. Das bedeutet, dass gar nicht von Menschenhand beziehungsweise Menschenauge geprüft wurde, welche Menschen (!) sich unter den mehreren hundert geächteten Namen befanden. Diese Aktion zeigt auch eindrücklich, wie schnell Totalität, Feindbildproduktion und Diskursverengung wieder hip werden können. Filme wie „Die Welle“ scheinen nach zehn Jahren in Vergessenheit geraten zu sein.

Das Peng-Kollektiv erstellte in Bayern wenige Monate nach der Ratifizierung des neuen Polizeiaufgabengesetzes die Meldeplattform Cop Map. Diese Karte zeigt im Raum München alle von Nutzern gemeldete Streifenwagen, auf Pferden patrouillierende Polizisten sowie Personenkontrollen durch die Polizei.

Was als eine Art bayerische Karte des Rumtreibers gedacht war, entpuppt sich als relativ sinnlos, da die Karte zu keinem Zeitpunkt aktuell ist. Wenn beispielsweise jemand eine fahrende Polizeistreife auf der Maximilianstraße sichtet, befindet sich diese längst in Schwabing, bis der Nutzer sie in die App eingetragen hat.

Und davon einmal ganz abgesehen: Dieses Projekt ist alles andere als sinnvoll, um den dringend nötigen Dialog zwischen Bürgern und Bürgern in Uniform herzustellen. Zwischen Polizisten und Zivilisten Brücken zu schlagen, ist in Zeiten des PAG essenziell, da das menschlich verbindende Element die eine oder andere Ungerechtigkeit zu verhindern vermag. Wenn aber stattdessen durch Petzen Misstrauen, Zwietracht und Stigmatisierung gestreut werden, wie das im Falle der Cop Map nach dem Pauschal-Motto „ACAB“ geschieht, fällt vorhandenes Gewaltpotential auf ziviler und uniformierter Seite auf fruchtbaren Boden.

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