wider-die-ausbeutung

14-12-18 01:33:00,

Rechte Kräfte erstarken, der Verlust des „heimelig“ Vergangenen wird bedauert und der Ruf nach Gemeinschaft plätschert im crescendo (1) durch die Gesellschaft.

Der Nationalstaat in seiner gegenwärtigen Ausformung ist ein recht junges Konstrukt, das in Europa besonders während des 18. Jahrhunderts ins politische Machtinteresse rückte. Primäres Ziel war es, durch die Schaffung eines gemeinschaftlichen Zugehörigkeitsgefühls, also Identität durch Nationalität, die Folgen von Armut und Misere zu dämpfen.

In Zeiten von Europa (sozusagen „EU first“) zerbröckelt die Kraft der Nation als gemeinschaftsstiftendes legato (2). Deswegen müssen Alternativen her. Doch zu lange konzentrierten sich die politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger primär auf die Belange ihrer Klientel, zu lange spielte man im Beziehungsgefüge staccato (3).

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein genauerer Blick auf die Unterscheidung Gemeinschaft und Gesellschaft, wie sie der Soziologe Ferdinand Tönnies (4) bereits 1887 in seinem Werk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ einführte. Tönnies sieht die Gemeinschaft als „reales und organisches Leben“ an, in welcher das Gemeinsame vor dem Einzelnen steht. Der sogenannte Wesenwille, der sich durch Gesinnung, Gemüt und Gewissen kennzeichnet, dominiert hier. Im Gegensatz hierzu stellt die Gesellschaft eine „ideelle und mechanische Bildung“ dar, wo der Einzelne vor dem Gemeinsamen steht und der sogenannte Kürwille (ein Übergewicht des Denkens) herrscht.

„In dem Begriff der Gesellschaft wird aber das Verhältnis der Indifferenz (welches richtigerweise ein Nicht-Verhältnis heißen müsste) oder der Feindseligkeit, als ein vorher gegebener Zustand angenommen, welcher sich dann in gewissen einzelnen Fällen zu einer Übereinstimmung verschwindet oder angleicht.“

Diese gesellschaftliche Indifferenz des Einzelnen besteht jedoch de facto nicht mehr in Deutschland. Am politischen Küchentisch wird gerne vom „Auseinandergehen der Schere zwischen Arm und Reich“ gesprochen, soziologisch von einer Verfestigung der „sozialen Undurchlässigkeit“. Diese materielle Ungleichheit impliziert jedoch auch eine zunehmende psychologische Ungleichheit, wie bereits Erich Fromm (5) konstatierte:

„Je stärker (…) eine Gesellschaft ökonomisch, sozial und psychologisch zerfällt, je mehr die bindende und prägende Kraft der Gesamtgesellschaft bzw. der in ihr herrschenden Klasse schwindet, desto größer werden auch die Differenzen der psychischen Struktur der verschiedenen Klassen.“

Richtigerweise muss zusätzlich von einem „Auseinandergehen der Denkweisen zwischen Arm und Reich“ oder einer Verfestigung „psychologischer Undurchlässigkeit“ gesprochen werden.

Die intellektuelle urbane Elite ist genauso wenig in der Lage wie die provinzielle Masse sich in den jeweils anderen hineinzuversetzen.

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