aufruf-zur-menschlichkeit

15-12-18 04:57:00,

von Karl-Jürgen Müller

Vor 100 Jahren, kurz nach dem Waffenstillstand zwischen den Kriegsparteien des Ersten Weltkrieges, verfasste der Wiener Individualpsychologe Alfred Adler einen bemerkenswerten Text mit dem Titel „Bolschewismus und Seelenkunde“ (1).

Dieser Text weicht auffallend ab von den bis heute gängigen Untersuchungen der Schuldfrage und anderen politischen Erwägungen und beginnt mit einem grundsätzlichen Querdenken:

„Die Mittel der Macht sind uns Deutschen entrissen. Wir haben der Herrschaft über andere Völker entsagt und sehen ohne Neid und Missgunst, wie die Tschechen, die Südslawen, die Ungarn, die Polen, die Ruthenen (eine in der Habsburger Monarchie übliche Bezeichnung für die Ostslawen westlich von Russland) in ihrer staatlichen Kraft erstarken und zu einem neuen, selbständigen Leben erwachen.

Verflogen sind im Nu alle künstlich gezüchteten Hassgefühle von gestern gegen die Ententegenossen (vor allem Großbritannien und Frankreich), und wir bringen ihnen brüderliche Gesinnungen dar, auch wenn wir schmerzlich und bedauernd empfinden, dass manche Rauheit des Waffenstillstands, manche Verschärfung der Hungersnot zu vermeiden wäre. Uns Deutsche selbst beseelt und beseeligt ein starkes Gefühl der Gemeinschaft, es greift über die Grenzen hinaus und setzt sich fort in ein hoffnungsfreudiges Allmenschheitsempfinden.“

Keine Revanchegedanken, kein Aufbegehren gegen den Verlust des deutschen Weltmachtstatus und das Ende des Habsburger Vielvölkerstaates, kein Klagen über die militärische Niederlage …

Aber das „Allmenschheitsempfinden“ — das wird im weiteren Verlauf des Textes deutlich — ist auch keine Steilvorlage für die weltrevolutionären Visionen der Bolschewisten in Russland und anderswo, in denen Adler nichts anderes sah als eine der vielen Varianten des Strebens, Macht über andere Menschen auszuüben. Auch kein Plädoyer für die Auflösung der ja gerade erst entstandenen und nach Souveränität strebenden Staaten im Osten und Südosten Europas. Nein, es geht um etwas anderes, um eine innere Haltung, in der sich der Mensch gleichwertig innerlich mit seinen Mitmenschen verbindet.

Daraus folgt Adlers Absage an jede Form von Machtpolitik, in einer für damalige deutsche und auch andere Ohren sensationellen Art und Weise:

„Uns Volk drückt nicht die Niederlage. Der Siegerlorbeer, der die Stirne des starken Feldherrn schmückt, weckt nicht unsere Pein. Wir waren lange Jahre die Betörten und sind jetzt wissend geworden: Hinter der Trübsal und hinter dem Elend der Gegenwart blinkt unserem unschuldigen Volke der Stern einer neuen Erkenntnis: Nie waren wir elender als auf dem Gipfel unserer Macht!

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