Im Licht der aufgedeckten Fälschungen steht der „Spiegel“ ansonsten super sauber da. Zu Unrecht.

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20-12-18 04:10:00,

Auf 13 eng beschriebenen Seiten hat der Spiegel-Redakteur Ullrich Fichtner einen „Betrugsfall im eigenen Haus“ offengelegt. Im Detail beschreibt der Autor die Fälschungen des Claas Relotius einschließlich der sich häufenden Ehrungen für den jungen Spiegel-Redakteur. Diese Geschichte ist einschließlich der öffentlichen Entschuldigung so clever erzählt, dass der Spiegel als Ganzes super sauber dasteht. Deshalb muss angemerkt werden: Mit der meisterhaft formulierten Offenlegung der Fälschungen des Claas Relotius werden zugleich all die ähnlichen Fälle des Versagens des „Spiegel“ verdeckt, obwohl die anderen Fälle von Manipulation um vieles gravierendere Folgen haben als die Fälschungen des gerade ertappten Redakteurs. Albrecht Müller.

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Die Geschichte kurz erzählt:

Der ehedem freie und dann fest angestellte Redakteur Relotius hat viele seiner Geschichten manipuliert. Er hat Personen und Storys frei erfunden. Es ging zum Beispiel um Geschichten über Kinder in Syrien, um Gefangene auf Guantanamo und um Bürgerwehren in Arizona. Das besonders Peinliche: Redakteur Relotius hat reihenweise Preise eingeheimst und schamlos Elogen über sich ergehen lassen. Düpiert und bloßgestellt sind damit also nicht nur die Spiegel-Redaktion einschließlich der sogenannten Qualitätssicherung, sondern auch ehrenwerte preisverleihende Institutionen und Laudatoren. – Ein Kollege des Fälschers war ihm auf der Spur, fand aber in der Redaktion des Spiegel lange Zeit kein Gehör. Ein beiläufiger Treppenwitz des gesamten Vorgangs: eine Bürgerwehr(!) in Arizona gab entscheidende Tipps zu Entdeckung der Fälschung.

Fälschungen der aufgedeckten Art können passieren. Wirklich stören muss, dass jetzt vom Spiegel der Eindruck erweckt wird, als sei ansonsten alles in Ordnung, als würde der Spiegel ansonsten vor allem die Wahrheit schreiben. Dieser falsche Eindruck zwingt zum Widerspruch:

  1. Der aufgeflogene Fall ist harmlos verglichen mit der Tatsache, dass sich der Spiegel als Instanz der Aufklärung und der kritischen Begleitung des politischen Geschehens in Deutschland verabschiedet hat. Das ist um vieles schlimmer als die Fälschungen des Redakteurs Relotius.
    • Wo war die kritische Begleitung der Agenda 2010?
    • Wo die kritische Begleitung der NATO-Osterweiterung?
    • Wo die kritische Kommentierung der völkerrechtswidrigen Bombardierung Restjugoslawiens?
    • Wo die kritische Begleitung der Ausweitung der Leiharbeit? Wo die kritische Begleitung der Matadore dieser Fehlentwicklung, zum Beispiel Wolfgang Clement und Bodo Hombach?

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