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Oder die Geburt einer Nation

Autor: Marc Britz

Datum: 14. Januar 2019

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des nationalen Zentrums für Sozialforschung in Griechenland kommt zu dem Schluss, dass sich die griechische Bevölkerung bei gleichbleibender Geburtenrate in den nächsten fünfzig Jahren um die Hälfte reduzieren wird. Während 2008 noch rund 140.000 griechische Kinder zur Welt kamen, gab es im Jahr 2018 nur noch etwa 80.000 frische Hellenen. Damit lag die Geburtenziffer Griechenlands mit 8,2 Neugeborenen je 1000 Einwohner deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 9,9. Ein dramatischer weil irreversibler Kurs. Die Griechen sterben aus. Fragt sich der durch die Bild-Zeitung in Sachen griechischer Lebenskunst wohl informierte Deutsche: Warum nur ist denn den Griechen die Lust auf den bevölkerungsproduktiven Beischlaf vergangen?

Wer hingegen das Handelsblatt ließt, weiß die Antwort: Der schlaue Grieche wandert einfach aus. Und wer das nicht schafft, kann eben keine Kinder haben. Schuld an dem Trend ist die Krise. Sie radierte bis heute ein Viertel des griechischen Bruttoinlandsprodukts aus, reduzierte die Durchschnittseinkommen um ein Drittel und dezimierte die Vermögen des Durchschnittsgriechen um 40 Prozent. Dazu kommen galoppierende Arbeitslosigkeit und frei fallende Gehälter. Aus diesen Gründen machten sich vor allem Akademiker und gut ausgebildete Fachkräfte auf den Weg in eine bessere Zukunft in den nördlichen EU-Staaten. Mehr als 360.000 Menschen haben Griechenland seit 2010 verlassen. Zwischen 2009 und 2017 kamen so mindestens 100.000 Griechen allein nach Deutschland. Viele daheimgebliebenen Paare verzichten aufgrund finanzieller Perspektivlosigkeit praktischerweise ganz auf Nachwuchs.

Nur nicht jammern, so eine kinderlose Ehe hat durchaus ihre Vorteile. Die Leute bleiben zumindest gefühlt länger jung und können nachwuchstechnisch ungebunden auch länger arbeiten. Und das müssen die daheimgebliebenen Griechen auch, denn mit dem Bevölkerungsrückgang wird zufolge der oben angesprochenen Prognose die Zahl der Erwerbstätigen von heute 4,7 Millionen bis 2070 auf rund 3 Millionen zurückgehen. Zur fallenden Geburtenzahl kommt dann noch die in Griechenland trotz kollabiertem Gesundheitssystem und unbezahlbarer Arzneimittel über dem EU-Durchschnitt liegende steigende Lebenserwartung hinzu. So werden die über 65-Jährigen im Jahre 2050 ein Drittel der griechischen Bevölkerung ausmachen. Das bedeutet unter anderem, dass der griechische Staat eben mal das Rentenalter von heute 67 auf 73 Jahre erhöhen müsste, um den Laden auch nur einigermaßen zusammenhalten zu können.

Angesichts dieser Tendenz ist Gerd Höhler, Autor jenes Handelsblatt-Artikels über das Altersheim Griechenland vom 05.01.2019, dem diese Zahlen entnommen sind,

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