das-dilemma-der-revolutionare

19-01-19 10:34:00,

There is no revolution, but evolution — so verspottete einst Frank Zappa bei seinen Liveauftritten jene Zwischenrufer, denen seine hochvirtuosen Grenzgänge zwischen allen nur erdenklichen Ästhetiken der Rockmusik und der klassischen Moderne nicht „revolutionär“ genug erschienen. Die Wagner-Paraphrase war ihm stets genauso wichtig wie das Reggae-Zitat. Zudem erklärte er mehrfach öffentlich, er habe es beispielsweise immer abgelehnt, auf Einladung von Kommunisten zu spielen, weil er ein Publikum wolle, dem vor allem die Musik wichtig sei. Zappa erkannte: Revolutionen sind kein geeigneter Weg, soziale und ökonomische Ungleichheit zu verringern oder gar zu beseitigen (1). Was also tun?

Es herrscht in jüngster Zeit wahrlich kein Mangel an semantischen Refreshings politischer Systemkategorien. Man nehme exemplarisch: Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Konservatismus, Demokratie. Hierzu liegen aktuell ambitionierte Versuche vor, den heißen Kern des jeweiligen Konzepts freizulegen und darüber hinaus zu fragen, inwieweit sich solche historisch kontaminierten Begriffsmonster heute noch zur adäquaten Erfassung der Weltlage eignen (2).

Es wäre, nebenbei bemerkt, äußerst anregend, zu ergründen, inwieweit sich die genannten Begriffe letztlich sogar auf das singuläre Grundproblem der Moderne zurückführen lassen: Freiheit (3). Auch die vielerorts — übrigens links wie rechts! — deutlich vernehmbare, tiefe Sehnsucht nach dem postkapitalistischen Systemreset ist im Angesicht rasant-irreversibel fortschreitender Ungleichheit nur allzu verständlich.

Doch, so zeigt uns der Stanford-Historiker Walter Scheidel in seinem jüngsten Buch: Eine friedliche Senkung der ökonomischen Ungleichheit gab es in der Geschichte der letzten drei Jahrtausende noch nie! Nur die vier apokalyptischen Reiter Krieg, Revolution, Staatszerfall und Seuchen hätten geschichtlich — jedoch immer nur episodisch — materiellen Ausgleich möglich gemacht (4).

Und Scheidel bilanziert vor dem Hintergrund dieses düsteren Befunds: Die Geschichte lehre uns zwei Dinge über die Nivellierung ökonomischer Ungleichheit: Erstens würden radikale politische Maßnahmen nur in Krisenzeiten ergriffen (5). Und zweitens:

„Politische Eingriffe stoßen zwangsläufig an Grenzen. Die Nivellierung der materiellen Ungleichgewichte in Gesellschaften wurde ein ums andere Mal von gewaltsamen Kräften angetrieben, die sich entweder der Kontrolle des Menschen entzogen oder unter den gegenwärtigen Bedingungen politisch unmöglich durchzusetzen wären. In der heutigen Welt funktioniert keiner der wirksamsten Nivellierungsmechanismen: Die vier Reiter sind von ihren Rössern gestiegen. Und kein vernünftiger Mensch kann sich wünschen, dass sie wieder aufsitzen“ (6).

Und dann folgt der eindringliche Schlussakkord des brisanten Buchs:

„In der gesamten dokumentierten Menschheitsgeschichte stellten die periodischen Kompressionen der Ungleichheit infolge von Massenmobilisierungskriegen,

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