Schwarze Pädagogik

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19-01-19 10:03:00,

1992 wurde ich eingeschult, an einer kleiner Grundschule eines Dorfes im Emsland. Unsere Klassenlehrerin, ein erfahrenes Urgestein, alt eingesessen und bekannt im Ort, sorgte für meine erste prägende Erinnerung an Schule: Vorne im Klassenraum mussten sich ein paar Jungen, die uns Mädchen in der Pause geärgert hatten, in einer Reihe aufstellen, und dann gab sie jedem eine Ohrfeige.

Ich sehe noch die rot-verweinten Gesichter vor mir und das beklemmende Gefühl, das mich in der Situation ergriff. Mir taten die Jungen plötzlich leid. Doch auch der Leiter der Schule vertrat die Anschauung: „Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Er zog regelmäßig Schüler an den Ohren über die Schulflure. Auch für seine plötzlichen Griffe in den Nacken war er bekannt. Wir hatten damals alle großen Respekt vor ihm.

Sowohl mein Schulleiter als auch die Klassenlehrerin hätten aus heutiger Sicht eine Anzeige wegen Körperverletzung verdient. Gewalt in der Erziehung ist zwar erst seit dem Jahr 2000 in Deutschland gesetzlich verboten — sie war jedoch schon immer falsch und ihre Folgen fatal.

Dabei mag es tatsächlich so aussehen, dass sich Kinder durch eine „harte Hand“ besser fügen und weniger „Ärger“ machen. Doch Menschen, die als Kind Gewalt erfahren haben, werden sich unweigerlich selbst irgendwann gewaltvoll gegenüber ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen verhalten. Und wenn diese Menschen in machtvolle Positionen geraten, hat das schlimme Konsequenzen.

Heute ist es weniger offenkundig-körperliche Gewalt als verdeckt-psychische, die Kinder und Jugendliche an Schulen erfahren. Dabei können verdeckte Gewaltmechanismen wie Ausgrenzung, Drohungen und Machthierarchien „ähnliche, manchmal sogar schwerwiegendere psychische Folgen für eine Person haben als körperliche Gewalt“ (1).

Egal, von welcher Art die Gewalt ist — unsere Psyche trägt den größten Schaden davon. In dem Moment, wo wir Gewalt erfahren, fühlen wir uns ausgeliefert, ohnmächtig und schutzlos — Gefühle, die vor allem Kinder nicht aushalten können.

Aus Schutz und Überlebensgründen verdrängt die Psyche diese Gefühle daher kurzerhand aus dem Bewusstsein — je unerträglicher das Gefühl, desto mehr wird es abgespalten. Das hat allerdings zur Folge, dass jegliche Erinnerung an diese Gefühle zur Gefahr wird. Das eigene Opfersein und die eigene Schwäche dürfen Betroffene von da an nicht mehr fühlen, sonst kommt es zum psychischen Break-Down (2).

Dies wiederum hat jedoch den Preis, dass Betroffene jegliche Opfererfahrungen leugnen und „lieber“ selbst zum (Mit-)Täter werden,

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