zusammen-kommen-wir-weiter

19-01-19 10:35:00,

Auf ein Neues! Wie mag das Jahr werden? Was hält es für uns bereit? Während ich in meinem freundlichen südfranzösischen Dorf mit meinen Nachbarn anstoße und am Neujahrsmorgen am Mittelmeer spazieren gehe, ertrinken, hungern und erfrieren anderswo Menschen. Während die einen draußen ihre Raketen zünden und die Sektkorken knallen lassen, geht anderswo die Welt in Flammen auf.

Ist es nicht vermessen gegenüber all jenen, die jetzt, in diesem Augenblick, leiden, von guten Wünschen zu schreiben, von Hoffnung und Optimismus? Warm eingepackt und abwechselnd mit einer Katze und einer Wärmflasche auf den Knien sitze ich unter meinem schlecht isolierten Dach und schaue in den rotglühenden Morgenhimmel. Zur selben Zeit sind andere mit ihrem bloßen Überleben beschäftigt und haben nicht die Möglichkeit, sich schöne Gedanken zu machen, geschweige denn, die der anderen zu lesen.

Mir geht es in diesem Moment gut, während es vielen anderen schlecht geht. Ich sitze hier gesund und munter nach einer überstandenen Krebserkrankung, während andere gerade an dieser Krankheit sterben. In jedem Augenblick meines Lebens prallen sich gegenüberstehende Wirklichkeiten aufeinander. Mehr noch: Mit jeder einzigen meiner Handlungen riskiere ich, anderen Schaden zuzufügen. Mit jedem Schritt, den ich tue, zermalme ich Leben unter meinen Füßen. Schon die Tatsache, dass ich hier nur auf einen Knopf drücken muss, um es warm und bequem zu haben, stürzt andere ins Elend.

Wie kann es einem dabei gut gehen? Müssten wir uns nicht ganz klein machen vor Scham darüber, was wir anrichten, und stillschweigen? Doch würde die Welt dadurch besser? Würde das jenen helfen, denen Leid zugefügt wird? Sollte ich nicht das, was mir geschenkt wurde, annehmen und versuchen, etwas daraus zu machen?

So entscheide ich mich auch in diesem Jahr dafür, das Glas halbvoll zu sehen. Diese Entscheidung hilft mir, den Horizont nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn ich meine Gedanken hinausschicke, tue ich das mit der Absicht, mich im Sinne der Einheit zu engagieren, Versprengtes zusammenzubringen und Isoliertes miteinander zu verbinden.

Der Grat ist schmal zwischen Träumerei und Schwarzmalerei. Es ist ein anspruchsvoller Balanceakt, in der Mitte zu bleiben, nicht in die Abgründe der Extreme zu stürzen und die Hoffnung als Kap beizubehalten. Es ist unbequem sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen: Welche Seite nähre ich? Die der Spaltung oder die der Einheit? Trage ich gerade dazu bei,

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