darfs-noch-ein-bisschen-mehr-sein

25-01-19 08:27:00,

Romano Paganini / 25. Jan 2019 –

Die Antworten auf die Migrationsfragen hängen eng mit unserem Konsumverhalten zusammen.

Red. Dieser Essay von Romano Paganini, Mitarbeiter von Infosperber in Südamerika, entstand im Rahmen des Schreibwettbewerbs «Wir sind ein Einwanderungsland – schmeckt Ihnen das?», organisiert von der Zeitung «Der Bund». Der Text fand den Weg unter die besten zwanzig Geschichten, die der Verlag Zytglogge als Buch herausgegeben hat. Die aktuelle Version ist leicht überarbeitet.

Wenige Monate bevor Herr und Frau Schweizer den Rütlischwur feierten und die SchülerInnen des Landes eine Silbermedaille mit der Zahl siebenhundert in die Hand gedrückt bekamen, hübsch verpackt in ein mit blauem Samt ausgestatteten Plastiktruckli, wenige Monate also vor 1991, da trat Indianer-Häuptling Guaicaipuro Cuatémoc vor die europäischen Staats- und Regierungschefs und sprach:

«Ich, der Abkömmling jener, die Amerika vor vierzigtausend Jahren besiedelt haben, bin hierher gekommen, um jene zu treffen, die vor fünfhundert Jahren hier eintrafen. Mein Bruder, der europäische Zollbeamte, verlangt ein schriftliches Dokument mit Visum von mir, um die zu entdecken, die mich entdeckt haben. Mein Bruder, der europäische Winkeladvokat, erklärt mir, dass alle Schulden mit Zins zurückgezahlt werden, auch wenn menschliche Wesen und ganze Länder ohne ihre Zustimmung verkauft werden. Allmählich entdecke ich sie. Auch ich kann Zahlungen einfordern, auch ich kann Zinsen verlangen. Allein zwischen den Jahren 1503 und 1660 kamen 185’000 Kilo Gold und 16 Millionen Kilo Silber aus Amerika in Sanlúcar de Barrameda an. Plünderung? Das glaube ich nicht. Denn das würde bedeuten, dass die christlichen Brüder gegen das Siebente Gebot verstossen hätten. Nein! Diese 185’000 Kilo Gold und 16 Millionen Kilo Silber müssen als das erste von vielen freundschaftlichen Darlehen Amerikas betrachtet werden, die für die Entwicklung Europas bestimmt waren. Ansonsten würde man von Kriegsverbrechen ausgehen, was nicht nur dazu berechtigen würde, die sofortige Rückgabe zu fordern, sondern einen Ausgleich für Schäden und Nachteile.»

Während Guaicaipuro Cuatémoc die europäische Kolonialpolitik in ein anderes Licht rückt, bereitet sich der Schweizer Staat auf ein Jahr der Selbstbeweihräucherung vor. Siebenhundert Jahre Rütlischwur wollen gefeiert werden! Der damalige Bundespräsident Flavio Cotti betont in seinen zahlreichen Ansprachen, dass das Land nicht im Alleingang in Europa und der Welt bestehen könne und es den Sonderfall Schweiz nicht mehr gebe.

Sonderfall Schweiz?

Cottis Realitätslektüre erscheint heute (und vielleicht auch schon damals) wie die Aufführung eines Varietés,

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