Umwelt- und Verkehrspolitik mit Stammtischparolen

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28-01-19 03:50:00,

Nachdem 107 Lungenärzte via BILD und WELT in einem dünnen Positionspapier die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub kritisierten (BILD: „Alles Lüge!“), nutzt nun die Politik die angerichtete Verwirrung, um eben jene Grenzwerte zu kippen. Verkehrsminister Scheuer begrüßte den „wissenschaftlichen Ansatz“, beklagte die Grenzwerte als „Masochismus“ und kündigte deren Überprüfung an. In den Konzernzentralen von VW, BMW und Mercedes dürften die Sektkorken knallen. Dabei ist das Papier der Ärzte eher auf Stammtischniveau und wird von der wissenschaftlichen Community bestenfalls belächelt. Keine Frage: In Deutschland regiert der Populismus – nur dass dieser spezielle Populismus sich gegen die Interessen der Bürger richtet. Von Jens Berger.

100 Experten …

Eigentlich sollte man nur noch mit den Augen rollen, wenn wieder einmal so und so viele Wissenschaftler einen offenen Brief, einen Appell oder ein an das Publikum gerichtetes Positionspapier verfasst haben, das dann von Medien wie BILD, WELT, FAZ oder Focus ernsthaft als Beitrag zur wissenschaftlichen Debatte gefeiert wird. Es wird wohl keinen Fachbereich geben, in dem man nicht mindestens 100 Wissenschaftler auftreiben kann, die ihre Unterschrift unter jeden denkbaren Unsinn setzen. Zu trauriger Berühmtheit ist beispielsweise der 2005 von 243 marktradikalen Professoren der Wirtschaftswissenschaften veröffentlichte „Hamburger Appell“, der einer wissenschaftlich mehr als umstrittenen neoliberalen Wirtschaftspolitik das Mäntelchen des wissenschaftlichen Konsens´ umhängen sollte. Können 243 Professoren etwa irren? Natürlich können sie das und weit mehr Professoren irren täglich. Auf jedem Schiff, das schwimmt und schwabbelt, ist einer drauf, der dämlich sabbelt – dieses Sprichwort gilt auch für Wissenschaftler.

Streng genommen gehören die 107 Lungenärzte noch nicht einmal in diese Kategorie. Schließlich ist der Großteil von ihnen gar nicht in der Wissenschaft oder Forschung, sondern als niedergelassener Arzt tätig; womit der Kreis der potentiellen „Experten“ schon einmal streng genommen auf alle Akademiker heruntergebrochen wäre, die beruflich in einem ähnlichen Feld tätig sind. So gesehen könnte man auch 107 Bankberater mit BWL-Abschluss zur Sinnhaftigkeit der privaten Altersvorsorge befragen. Und ganz sicher gibt es auch 107 Medienwissenschaftler, die in einem Positionspapier das Verbot der BILD fordern würden. Nur, dass dieses Papier natürlich nicht in der BILD abgedruckt würde. Derartige Unterschriftensammlungen, Appelle und Positionspapiere sind stets nur ein Mittel, um die redaktionelle Linie und die damit verbundene Politik zu unterstützen. BILD und Co. sehen sich schon seit Ewigkeiten als Sprachrohr der Autofahrer und sind ein Sprachrohr der Autoindustrie – und da passt ein Papier von 107 Ärzten,

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