Im Theater der Vergänglichkeit

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08-02-19 01:29:00,

Der Mann stand schwer atmend am Pfosten, schubste mich zur Seite, rammte den rechten Buffer in den Boden und nahm Anlauf. Mit einem Bumms, der mir heute noch in den Ohren dröhnt, beförderte er den Ball zurück ins Spielfeld. Ich war acht Jahre alt, als ich Zeuge wurde, wie mein Verein TuS Osdorf als Schlusslicht der Kreisliga auf dem Grandplatz am Blomkamp gegen die Spielvereinigung Moorege mit 1:5 gedemütigt wurde. Von dem Spiel ist nichts haften geblieben, außer dem Ergebnis und eben diesem unbeschreiblichen Bumms, der sich anfühlte, als würde ein Riese das braune Leder auf den Mond schießen. Gelegentlich wundere ich mich noch heute, warum es Neil Armstrong dort nicht gefunden hat — bei dem Krater, den es beim Einschlag hinterlassen haben muss.

Schon merkwürdig, wenn die Sedimente deiner Erinnerungen aufbrechen und Geschichten und Menschen wie Wasserleichen an die Oberfläche schwappen, wo sie aber nicht etwa weiter treiben auf dem Fluss, sondern zu neuem Leben erwachen. Hallo! Lange nicht gesehen! Den dreißigjährigen Aktentaschenträger zum Beispiel, der weit vor Monty Python den federnden ausholenden Gang praktizierte. Ich habe ihn nie mit jemanden sprechen sehen, er ging pünktlich zur Arbeit und kam ebenso pünktlich zurück. Ansonsten sah man ihn nicht. Es hieß, er verpasste kein Heimspiel am Millerntor. Das machte ihn mir nicht sympathisch. Ich war HSV-Fan.

Außerdem las der Latschende die Morgenpost, was ihn als Proleten auswies, weil die Morgenpost eine Proletenzeitung war, die sich hauptsächlich um die Belange der Arbeiter scherte. Eine typische SPD-Zeitung damals. Die Eltern meines Freundes Manfred Grimme lasen auch die Mopo, die auf ihrer letzten Seite einen täglichen Comicstreifen namens Phantom veröffentlichte — Phantom, der seine Maske nie abnahm. Wir hatten das Hamburger Abendblatt — Motto: Seid nett zueinander! — abonniert und das punktete mit dem Westernhelden Cisco.

Seit Wochen kommen mir solche Dinge in den Sinn. Sie alle spielen im Hamburger Vorort Osdorf, was die plattdeutsche Bezeichnung für Ochsendorf ist. Sieben Jahre, von 1950 bis 1957, haben wir, meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich, in Osdorf gewohnt. Auf 36 Quadratmetern, in einer Siedlung, die der Bauverein der Elbgemeinden nach dem Krieg dort auf die grüne Wiese gesetzt hatte. Und heute, weit mehr als ein halbes Jahrhundert später, tauchen unvermittelt Personen und Ereignisse auf, die untrennbar mit diesem Ort verbunden sind.

Am Landpflegeheim 39,

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