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09-02-19 09:34:00,

In der spirituellen Szene ist die Auffassung weit verbreitet, dass es auf dem geistigen Weg um eine Beschäftigung mit dem eigenen Innenleben geht – ganz im Gegensatz zum politischen Aktionismus. Ich habe sogar einen wichtigen Zen-Lehrer unserer Zeit sagen hören, man solle bloß aufhören, die Welt ändern zu wollen. Das sei noch immer schief gegangen, schon deshalb, weil alle Vorstellungen von einer besseren Welt nur unsere Ego-Projektionen seien, die das Eigentliche im Hier und Jetzt verfehlen. Noch radikaler vertreten manche Buddhisten die Auffassung, dass unsere gesamte Weltwahrnehmung ebenso Illusion sei wie die Vorstellung eines autonomen Selbst.

Konträr dazu steht die Kritik der Rationalisten oder Aktivisten, Spiritualität – insbesondere mystische Spiritualität – sei Weltflucht, ein Ausweichen vor der Verantwortung gesellschaftlicher Veränderung. Dieses Image hängt gewiss damit zusammen, dass spirituelle Suche zu allen Zeiten und in allen Kulturen sehr häufig zu mönchischer Askese und Rückzug in abgelegene Klöster oder sogar Einsiedeleien geführt hat.

Mystik ist ein schwammiger, fast schon inflationär verwendeter Begriff. Nach meinem Verständnis umfasst sie ein Feld religiöser Erfahrungen, das allen großen Religionen gemeinsam ist; sie bildet die geheimnisvolle und faszinierende Mitte zwischen ihnen. In dieser Mitte, wo sich zum Beispiel Yoga, Zen, Chassidim, christliche Mystik und Sufismus berühren, gibt es unabhängig von der jeweiligen religiösen Herkunft und durch die Jahrtausende hindurch bis in die Gegenwart viele Gemeinsamkeiten. Deshalb ist es gerechtfertigt, von der Mystik zu sprechen beziehungsweise von typisch mystischen Erfahrungen.

Einige dieser Übereinstimmungen will ich kurz nennen. In der mystischen Erfahrung gibt es nur eine Wirklichkeit, kein Diesseits und Jenseits, nicht Himmel-Erde-Hölle, nicht Licht oder Dunkel, Göttliches oder Weltliches. Das Göttliche wird als allgegenwärtiger Geist verstanden, verkörpert in allen Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen, von den kleinsten Energiebündeln in einem Atom bis zu den fernsten Galaxien, also in der alles verbindenden Energie. Der Mensch wird nicht als eine in sich abgeschlossene Einheit gesehen, als „Illusion des Ego“, sondern als untrennbarer Teil der einen, ganzen Wirklichkeit, also auch des Göttlichen.

Bei dieser Charakterisierung ist allerdings zu bedenken, dass Mystik in aller Regel keine Lehre vertritt und sich nicht systematisch darstellt. Vielmehr geht es in den meisten Äußerungen von Mystik um den Versuch, letzte Erfahrungen in Worte zu fassen.

Das Weltbild der großen Religionen war und ist oft dreigeteilt oder ein zumindest zweigeteilt: Diesseits und Jenseits.

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