vom-kaltblutigen-morder-zum-nationalhelden-elor-azaria-und-die-tragik-israelischer-politik-justicenow

11-02-19 08:01:00,

Für die Exekution eines reglos am Boden liegenden palästinensischen Attentäters wurde Elor Azaria wegen Totschlags verurteilt und saß neun Monate im Gefängnis. Spätestens nach seiner Freilassung wurde er zum Nationalhelden und Posterboy für Israels politische Rechte. Seine Geschichte offenbart tiefe Einblicke in Israels militaristische und rassistische Politik und Gesellschaft.
ACHTUNG! Dieser Artikel enthält Videomaterial, das eine Hinrichtung zeigt und als verstörend empfunden werden könnte.

Am Morgen des 24. März 2016 laufen die beiden Palästinenser Ramzi Qasrawi und Abdel Fattah a-Sharif auf eine Kreuzung im völkerrechtswidrig besetzten Hebron im Westjordanland und greifen zwei patrouillierende israelische Soldaten mit Küchenmessern an. Einer der beiden Soldaten erleidet leichte Verletzungen, die beiden Attentäter werden niedergeschossen.

Elf Minuten später ist Qasrawi tot, während a-Sharif nach Schüssen in Arm, Schulter, Bauch und Unterkörper regungslos – jedoch lebendig – am Boden liegt. Bis hierhin kann das Verhalten der israelischen Soldaten als Notwehr ausgelegt werden und bewegt sich im Rahmen der Legalität.

Dann betrat der damals 18-jährige Sergeant Elor Azaria die Szene. Der Militärsanitäter nähert sich nach Erstversorgung seines Kollegen dem schwer verletzten Attentäter a-Sharif. Kalkuliert und entschlossen lädt Azaria sein Gewehr durch und exekutiert den am Boden Liegenden mit einem gezielten Kopfschuss aus wenigen Metern.

Courtesy of B’Tselem.

Da keinerlei Gefahr vom schwer verletzten a-Sharif ausging, war der Kopfschuss keine legitime Notwehr, sondern ein Verbrechen. Folgen wir der Annahme, dass Palästisrael ein Kriegsgebiet ist, handelt es sich um ein Kriegsverbrechen.

Da es unzweideutige Videoaufzeichnungen des Mordes gab, die von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem veröffentlicht wurden und sich ob der Kaltblütigkeit des Gezeigten schnell ihren Weg in die Weltöffentlichkeit bahnten, sah sich die israelische Justiz gezwungen, den Mörder Elor Azaria vor Gericht zu stellen – eine absolute Rarität in der israelischen Militärgerichtsbarkeit.

(Auch der zweite Attentäter, Ramzi Qasrawi, der im B’Tselem-Video bereits tot ist, wurde laut Aussage mehrerer Augenzeugen aus nächster Nähe mit zwei Kugeln in den Kopf hingerichtet. Ein kurz im Anschluss dieses Mordes gefilmte Video zeigt die Leiche mit einer Blutlache unter dem Kopf. Da es von diesem mutmaßlichen Mord jedoch keine Aufzeichnungen gibt, weist das Militär die Vorwürfe kategorisch von sich und Qasrawis Mörder wurde folglich nie angeklagt.)

Elor Azaria wurde schließlich wegen Totschlags vor Gericht gestellt und zu 18 Monaten Haft verurteilt.

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