man-mische-drei-denkfehler-ruhre-kraftig-und-heraus-kommt-ein-jahrlicher-zuwanderungsbedarf-von-mehr-als-einer-viertelmillion

14-02-19 10:21:00,

Müssen wir wegen der Digitalisierung schon bald mit Millionen Erwerbslosen rechnen? Oder sorgen Fachkräftemangel und demographischer Wandel dafür, dass Erwerbslosigkeit schon bald ein Fremdwort ist und unsere Volkswirtschaft händeringend Arbeitskräfte aus dem Ausland anwerben muss? Diesen Fragen ist die Bertelsmann Stiftung nachgegangen und kam zum „Ergebnis“, dass Deutschland bis 2060 pro Jahr eine Nettozuwanderung von 260.000 Arbeitskräften bräuchte, um „den Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft angesichts der alternden Gesellschaft“ zu decken – ein sorgfältig konstruiertes Wunschergebnis der arbeitgebernahen Stiftung, bei dem die Autoren zahlreiche kreative Kunstgriffe benutzten, um der Politik Empfehlungen zu geben, die ganz und gar nicht im Interesse der Mehrheit sind. Von Jens Berger.

Zutat 1: Die Digitalisierung

Technische Entwicklungen, die eine Rationalisierung mit sich bringen, als kommende Arbeitsplatzkiller epischen Ausmaßes zu propagieren, ist weder neu noch originell. Prognostizierten 1850 die Stadtplaner New Yorks noch, dass die Straßen wegen der Zunahme an Kutschen bis zum Jahr 1910 in meterhohem Pferdemist ersticken würden, hatte man 1910 Angst vor dem drohenden Verschwinden ganzer Berufsbilder wie Kutscher, Pferdeschmied oder Stallbursche durch den Siegeszug des Automobils. 1995 prognostizierte der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin gar „Das Ende der Arbeit“ und sorgte damit für den Beginn einer bis heute andauernden Debatte voller Denkfehler. Es geht grob darum, dass Rationalisierung und technischer Fortschritt in vielen Bereichen die Menschen überflüssig machen und dadurch ein Großteil der menschlichen Arbeit verschwinden wird.

Ärgerlicherweise wurden seine Thesen viel zu selten kritisch überprüft und stattdessen bis heute unreflektiert nachgeplappert. Da Rifkins Buch nun auch schon 23 Jahre alt ist, kann man glücklicherweise jedoch heute bereits einordnen, ob der Zukunftsforscher die Zukunft korrekt vorhergesagt hat. Eben dies ist nämlich nicht der Fall. Seine Kernthese vom Ende der Arbeit belegt Rifkin mit der Prognose, dass im Jahre 2010 (also 15 Jahre nach Erscheinen des Buches) der weltweite Anteil der Menschen, die im industriellen Sektor arbeiten, auf 12% und bis 2020 gar auf 2% gesunken sein soll. Laut aktuellen Zahlen der ILO betrug der Anteil 2017 jedoch 21,5% und damit sogar mehr als im Jahre 1995 (20,9%), in dem Rifkin das Ende der Arbeit prognostizierte. Rifkins 2% wirken da wie ein schlechter Scherz, werden aber in stets neuen Variationen auch heute noch unter das Volk gebracht. Der – auch bei anderen Fehlprognosen beliebte – Trick: Man verschiebt den Vorhersagehorizont einfach ins Unendliche.

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