Das Spielzeug

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27-02-19 08:15:00,

„I bi im Wartsaau uf d Wäut cho, mit dr Nabuschnuer äng ume Haus.“

Das stimmte natürlich nicht, aber das Lied hatte ihr immer gefallen. Auch als sie die Fotos betrachtet hatte, war es ihr wieder eingefallen. Die Fotos von dem fröhlich in die Kamera lachenden Kind, in dem sie sich kaum wiedererkannt hatte. Die Fotos, die sie zwischen den Sachen ihrer Mutter gefunden hatte, nachdem sie sie aus dem Krankenhaus abgeholt hatte, die Sachen ihrer Mutter.

Als ihre Mutter sie vor sechs Jahren angerufen hatte und ihr bedrückt von dem Taubheitsgefühl in ihrer rechten Hand berichtet hatte, da hatte Ludmilla auch gelacht, wie auf den Fotos, und ihr gesagt, daß das sicher nur eine verrückte Bandscheibe oder so etwas sei.

Als dann ihrer Mutter immer häufiger Gegenstände aus der Hand fielen und sie bald nicht mehr ihren eigenen Namen handschriftlich unter die absurden Schriftstücke setzen konnte, die man ihr vorlegte, hatten die Ärzte eine Probebohrung durch ihre Schädeldecke gemacht und gesagt, daß es schon zu spät sei für eine Operation.

Das letzte, was sie von ihrer Mutter kurz darauf noch gelesen hatte, war ein einzelner, auf einen Fetzen Papier gekritzelter Satz. Niemand konnte ihn entziffern, aber sie wußte, was er bedeuten sollte: „Stoppt die Chemo!“

Und das letzte, was sie von ihr schließlich noch gesehen hatte, war das aufgedunsene, unförmige Gesicht einer mit Morphium vollgepumpten Masse Mensch, die nicht mehr sprechen konnte, nicht mehr essen konnte, nicht mehr zur Toilette gehen konnte, nicht mehr schlafen und nicht mehr wachen konnte, die nur noch manchmal leise weinte und ansonsten apathisch wartete auf den Tod.

13 Stunden war Ludmilla nun schon unterwegs in dem Zug, der immer weiter nach Osten fuhr. Es war die längste Strecke, die man ihr hatte anbieten können. Nur deshalb hatte sie ihre Hoffnung auf sie gesetzt, und weil sie wußte, daß die Sonne im Osten aufging und nicht im Westen, wie die Ludmilla aus dem Lied von Patent Ochsner behauptet hatte. Wenn alles gut ginge, wäre sie vielleicht in ein paar Stunden am Ziel. Wenn nicht, würde sie weiterfahren müssen bis ans Ende. Maximal noch 107 Stunden. Das wäre dann ihre letzte Chance, anzukommen in einer Welt ohne Antennen auf den Häuserdächern, ohne Antennen an Laternenmasten und Ampeln, ohne Antennen in Wohnungen und Cafés,

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