Die Royals haben mehr Medienpräsenz als der Krieg in Jemen

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17-03-19 09:40:00,

Helmut Scheben

Helmut Scheben / 17. Mär 2019 –

Das Problem grosser Nachrichtenmedien sind weniger Fake-News als das Vernachlässigen wichtiger Themen. Ein Vergleich in den USA.

Die US-Fernsehsender ABC, NBC und CBS widmeten der Hochzeit der britischen Royals in ihren Abendnachrichten im vergangenen Jahr mehr als dreimal soviel Sendezeit wie dem Krieg in Jemen. Prinz Harry und Meghan Markle durften sich 2018 einer News-Coverage von 71 Minuten erfreuen, der Krieg in Jemen kam auf 20 Minuten. Zu diesem Ergebnis kommt der Tyndall Report, der seit 1987 die Abendnachrichten der drei US-Sender auf ihre Themenauswahl und Gewichtung untersucht.

Jemen ist das ärmste der arabischen Länder. Es ist geostrategisch von geringem Interesse, da es weder Öl noch Gas exportiert. Der Krieg hat laut «Save the Children Charity» seit 2016 mehr als 85’000 Kinder in die Hungersnot getrieben. 60’000 Erwachsene sind Opfer von Kriegshandlungen geworden. Drei von 28 Millionen Einwohner wurden vertrieben.

Andrew Tyndall, der Autor des Reports, hält die Themengewichtung der drei Sender für symptomatisch. Sie zeige das abnehmende Interesse der US-Medien an der Aussenpolitik und die zunehmende Hinwendung zu Inland-News und Boulevard-Themen, die eine höhere Quote garantierten. Nur 7,5 Prozent der Abendnachrichten waren 2018 dem Ausland gewidmet. Zu den dreissig Top-Auslandthemen der drei Sender gehörte nicht einmal der Brexit, dagegen äusserst prominent die Rettung von Jugendlichen aus einer überfluteten Höhle in Thailand mit einer Coverage von insgesamt 100 Minuten.1

In den europäischen Fernsehnachrichten mag das Ungleichgewicht zwischen Politik und seichten Boulevard-Themen nicht so krass ausfallen, die Symptome sind jedoch die gleichen. Das eigentliche Problem unserer News-Produktion ist nämlich weniger das Verbreiten von gefälschten Geschichten (z.B. immer mal wieder «russische U-Boote in schwedischen Gewässern») als das Verschweigen wichtiger Ereignisse. Selbst da, wo diese am Rande erwähnt werden, versinken sie kurz danach unweigerlich im Müll der Zerstreuung. Der Philosoph Paul Virilio sprach von einer «Industrie des Vergessens», von einer News-Industrie, die mit rasender Schnelligkeit unaufhörlich alles zuschüttet, was sie eben noch produziert hat.

Wenn man bei «20Minuten» von einem «Tank-Desaster» liest, welches die Influencerin Anja Zeidler erleidet, weil sie ohne Benzin mit ihrem Auto stehenbleibt, sodass sie nicht glauben kann, was ihr da gerade «widerfährt», dann kann man morgens in der S-Bahn ein wenig grinsen. Man kann sich aber auch fragen,

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