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17-03-19 03:11:00,

Mit seinem Buch „Kritik der Migration“[1] greift der Wiener Wirtschaftshistoriker und Publizist Hannes Hofbauer ein Thema auf, das selbst im linken politischen Spektrum eher tabuisiert wird. Entsprechend heftig fällt die Kritik aus diesen Kreisen aus, die auf das Buch mit teils rigoroser Ablehnung reagieren. Dabei gelingt es Hofbauer, die ökonomischen Funktionen der Migration aufzuzeigen und damit den kapitalismuskritischen Diskurs zu beleben. Er weist den strukturell zerstörerischen Charakter der Wanderungsbewegungen nach, benennt deren Triebkräfte, Opfer und Profiteure. Ein wichtiger, weil nüchtern-rationaler Beitrag in einer oft emotional aufgeheizten Debatte. Mit dem Autoren sprach Norbert Wiersbin.

Mögen Sie zu Anfang vielleicht Ihre Motivation, die Impulse benennen, die dazu geführt haben, dieses Buch zu schreiben?

Wenn ich von meiner eigenen Biographie ausgehe, dann war ich schon in den Jahren meines Studiums sehr stark mit der Entwicklungspolitik beschäftigt und habe damals begonnen, auch eine Kritik der Entwicklungshilfe zu formulieren. Weil ich eingesehen habe, dass die Entwicklungshilfe im Prinzip ein System ist, in dem die stärksten ökonomischen Kräfte an schwache Stellen, ob an Staaten oder sogenannte Nichtregierungsorganisationen, Geld vergeben und dieses Geld dann immer zu einem guten Teil in die Zentralräume zurückfließt. Entweder über direkte Ankäufe von fortgeschrittenen technologischen Produkten aus dem Norden, oder über verschiedene Beratungsinstitutionen, der „Helferindustrie“, wie man gesagt hat. Ein wenig beruht die Kritik, die ich an der Migration heute führe, auf dieser Kritik, die ich schon vor dreißig Jahren an der Entwicklungspolitik formuliert habe. Aber mittlerweile ist auch dieses Thema schon wieder verstummt, man glaubt, das sei ein Hilfsimpetus, der ohne eigenes Interesse wäre.

Noch weiter zurück: Meine Dissertation habe ich unter anderem über den Marshallplan geschrieben. Und auch der war ja nicht eine Hilfsgabe der Amerikaner, sondern letztendlich der Versuch der US-Amerikaner, die Rüstungsindustrie auf eine Zivilindustrie umzustellen und gleichzeitig die damit bevorstehenden Überproduktionen auf den europäischen Märkten loszuwerden. Konversion war ja gut, aber die Produktion musste irgendwo ihren Absatz finden und der Marshallplan garantierte eben die Herstellung eines Absatzgebietes für amerikanische Waren.

Auch hier eine Kritik an dieser Art von Hilfe, die ich immer unter Anführungszeichen setzen würde. Das fügte sich dann in meiner Arbeit über Jahrzehnte hinweg zusammen. Ich setze also nicht allein an der Kritik der Migration an, sondern auch an solchen Hilfsgesten, hinter denen meistens knallharte wirtschaftliche Interessen stehen.

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