Nötiger Perspektivenwechsel

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30-03-19 09:02:00,

Ein Kardinalfehler in Politik und Medien besteht darin, Momentaufnahmen als Realität zu verkaufen. Realität ist immer ein Prozess. Um Realität zu begreifen, ist es notwendig, über Chronologie Bescheid zu wissen. Ursache und Wirkung nicht zu verwechseln. Zumindest zu versuchen herauszufinden, wer in einer Angelegenheit agiert und wer reagiert.

Mit anderen Worten: zu verstehen was Sache ist.

Es ist absurd, dass „Russlandversteher“ in Deutschland und einigen anderen westlichen Ländern zum Schimpfwort geworden ist und zur Ausgrenzung taugt.

Wer versteht, im Sinne von begreifen, der hat wenigstens die Chance, richtige Entscheidungen zu treffen. Wer von falschen Voraussetzungen ausgeht, der trifft auch falsche Entscheidungen. In der Wirtschaft kosten falsche Entscheidungen Geld, in der Politik hin und wieder den Frieden.

Ein zentraler Begriff im Journalismus ist das große Wort „Wahrheit“. Diesem Begriff begegne ich mit großem Respekt. Was ist die Wahrheit? Gibt es die überhaupt? Eher nicht. Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung. Das lässt sich auch gut belegen, wenn man zum Beispiel in verschiedenen Nachrichtensendungen Berichte zum selben Thema vergleicht, nach denen beim Zuschauer nahezu konträre Eindrücke hängen bleiben, obwohl in den Berichten selbst nicht wirklich gelogen wurde, nur anders wahrgenommen.

Wie man etwas wahrnimmt, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Unter anderem auch von der Entfernung zum Objekt.

Mal ganz handfest. Ein Berggipfel, der in seiner charakteristischen Form das Panorama einer Landschaft beherrscht, ist oftmals am Fuße des Massivs gar nicht zu erkennen — und doch ist es derselbe Berg.

Wer akzeptiert — in diesem und im übertragenen Sinne — dass unterschiedliche Standorte zu unterschiedlichen Wahrnehmungen führen, dass dasselbe Ding von nahem anders aussieht als von weitem, der wird zustimmen, dass beide Betrachter den Berg „richtig“ und „wahrhaftig“ sehen: der eine mit, der andere ohne Gipfel.

Diese Zusammenhänge zu verstehen und unterschiedliche Wahrnehmungen zu akzeptieren — darin liegt nach meinem Eindruck ein wesentlicher Schlüssel zur Lösung tatsächlicher Probleme, statt sie immer weiter zu eskalieren, indem man darauf besteht, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.

Heutzutage nennt man das „Narrativ“. Das westliche Narrativ lautet: Russland hat die Krim annektiert und damit die europäische Sicherheitsarchitektur verletzt. Das russische Narrativ lautet: das war keine Annexion, sondern eine Sezession, eine Abspaltung, legitimiert durch ein Referendum, in dem sich die überwältigende Mehrheit der Krimbevölkerung genau dafür ausgesprochen hat.

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