pflucke-den-tag

13-04-19 04:20:00,

Carpe Diem! — vor 2.000 Jahren forderte der enthusiastische Ausruf des römischen Dichters Horaz dazu auf, die kurze Lebenszeit jetzt zu genießen und es nicht auf den nächsten Tag zu verschieben. Der Appell ist im Laufe der Zeit zur Legitimation hemmungsloser Völlerei und sinnentleerten Zeitvertreibs verkommen. Nach mir die Sintflut.

Mit dieser Haltung bereiten wir unserer Zivilisation ihr Ende. Wir haben uns amüsiert, was das Zeug hält, und stehen heute vor der Auslöschung unserer eigenen Spezies. Noch versuchen wir, uns von dieser Tatsache abzulenken und fliegen eifrig dorthin, wo die Welt noch einigermaßen in Ordnung scheint. Mit aller Macht pressen wir die Augen zusammen, klammern uns an das alte Lebensmodell und wollen nicht wahrhaben, was schulschwänzende Kinder längst erkannt haben: Der Kaiser ist nackt.

Das System ist kaputt. Alle Institutionen, die es tragen, sind von der Gier nach Macht und schnellem Gewinn unterwandert. Doch wir wollen es nicht sehen und belächeln diejenigen, die uns versuchen zu warnen, als Verschwörungstheoretiker. Dabei geht es uns nicht gut. Fröhlich lachende Gesichter und unbeschwerte Menschen gibt es so gut wie nur noch in den Werbekampagnen multinationaler Unternehmen, die uns zum Kauf der Produkte und Dienstleistungen drängen, die das Leben auf unserem Planeten weiter zerstören.

Um das zu überspielen, suchen wir Ablenkung im schnellen Vergnügen: ein Besuch im Kino, im Restaurant, im Einkaufszentrum, im Freizeitressort, im Ferienparadies, in virtuellen Welten. Doch das erkaufte Plaisir hält nicht lange vor und wir brauchen schnellen Nachschub. Es ist, als wären wir auf der Flucht, ständig bemüht, bloß nicht da zu sein, wo wir gerade sind. Wir träumen uns aus unserer Realität heraus woanders hin und merken dabei nicht, welcher Schaden um uns herum entsteht.

Wir sind nicht wirklich da und haben die Verbindung verloren: zum Augenblick, zu unserer Umgebung, zur Natur, zu dem, was uns nährt, zu unseren Mitmenschen, vor allem aber zu uns selbst, zu unseren Körpern und den Fähigkeiten, die in uns stecken. In blindem Technik- und Fortschrittsglauben haben wir die Macht über uns an Maschinen weitergegeben. Und damit tun wir schließlich das Gegenteil von dem, was Carpe Diem eigentlich bedeutet: Hier sein, in diesem Moment präsent sein, das Präsent, das Geschenk, annehmen.

Pflücke den Tag heißt nicht, ihn auszureißen, zu zertrampeln und keinen weiteren mehr folgen zu lassen,

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