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17-04-19 07:07:00,

Bild: Laitr Keiows/CC BY-SA-3.0

Eine empirische Untersuchung bestätigt die Vermutung, dass auch die kollektive Aufmerksamkeit ein Flaschenhals ist, durch den immer mehr in kürzerer Zeit gedrückt wird

Wir sind gefangen in der Aufmerksamkeitsökonomie, was heißt, dass Aufmerksamkeit ein knappes Gut geworden ist und dementsprechend umkämpft wird. Nach den traditionellen Medien haben die großen Internetkonzerne Techniken entwickelt, wie sie die Aufmerksamkeit der Menschen binden und halten können. Dass das gelingt, verraten nicht nur Umfragen über die steigende Mediennutzung, sondern auch der Blick in den öffentlichen Raum, wo immer mehr Menschen, wenn sie nicht telefonieren oder Musik hören, auf die Bildschirme der Smartphones starren, also den Blick abwenden.

Aber weil es verschiedene Methoden gibt, wie vor allem soziale Medien eine Sucht erzeugen, wird der Mediennutzer, also praktisch jeder, einem Sperrfeuer an Informationen und der Möglichkeiten von Interaktionen ausgesetzt. Um zu kognitiv überleben und damit einem nichts aus der Vielzahl der Quellen entgeht, was die Grundfunktion von Aufmerksamkeit ist, muss das Abscannen beschleunigt und auf Multitasking umgestiegen werden. Mit der Adaption an hohe Geschwindigkeiten in der digitalen “Montage der Attraktionen” wird Langsames und Gleichbleibendes langweilig und zum Hintergrund, die Aufmerksamkeit verlangt schnellen Wechsel, die Aufmerksamkeitsspanne wird kleiner.

Die Aufmerksamkeit blieibt gleich hoch, aber der Durchsatz beschleunigt sich

Ein Wissenschaftlerteam aus Deutschland, Großbritannien und Dänemark will nun empirisch die oben angestellte Vermutung bestätigt haben, dass die kollektive Aufmerksamkeitsspanne, also die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf etwas zu konzentrieren, tatsächlich kürzer geworden ist. Sie haben, wie sie in Nature Communications schreiben, Daten von Twitter (2013-2016), 100 Jahre zurückreichende Bücher von Google Books, Verkäufe von Kinoeintrittskarten in den letzten 40 Jahren und Zitate von wissenschaftlichen Veröffentlichungen der vergangenen 25 Jahre mit Daten von Google Trends (2000-2018), Reddit (2010-2015) und Wikipedia (2012-2107) untersucht. Dabei ging es nicht darum, wie die Aufmerksamkeit eines einzelnen Menschen tickt, sondern um die kollektive Aufmerksamkeit, die Themen, Moden oder Trends aufgreift, verstärkt und wieder fallenlässt, also um die statistisch erfassbare soziale Dynamik der kollektiven oder Massenaufmerksamkeit.

Danach ist die kollektive Aufmerksamkeit auf einzelne kulturelle Angebote kürzer geworden. Die Wissenschaftler führen dies darauf zurück, dass mehr Content produziert und konsumiert wird. So wurden beispielsweise Peaks der globalen ersten 50 Hashtags immer häufiger, wobei sich aber die Höhe der Peaks nicht veränderte –

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