Heute hier, morgen dort – Warum unsere digitale Dauer-Erregung kontraproduktiv ist

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18-04-19 10:47:00,

In Zeiten der Hashtags, Shitstorms und Online-Petitionen hat sich auch die Art und Weise unserer politischen Teilhabe beschleunigt. Nahezu täglich wird in den sozialen Netzwerken die nächste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben. Doch im gleichen Maße wie unsere Erregung steigt, sinkt auch unsere Aufmerksamkeitsspanne. Twitter, Facebook und Co. geben den Takt vor – die Debatte wird schneller, oberflächlicher, undifferenzierter und löst sich genauso schnell wieder im digitalen Nirwana auf, wie sie entstanden ist. Nicht trotz, sondern wohl eher wegen unseres politischen Hyperaktivismus ändert sich nichts. Wenn wir wirklich etwas ändern wollen, muss unsere politische Kommunikation nachhaltiger werden und sich entschleunigen. Ein Debattenbeitrag von Jens Berger.

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Für Menschen, die die sogenannten sozialen Netzwerke auch zur politischen Kommunikation nutzen, war die letzte Woche purer Stress. Am Anfang echauffierte sich das Netz über „Enteignungen“ und in den linken Ecken der Netzwerke wehte gar ein Hauch von Revolution durch die virtuelle Arena. Man ließ seinen Avatar durch einen Algorithmus mit einem „Enteignet Deutsche Wohnen und Co.“ Sticker verschönen und schwor „den Kapitalisten“, sie diesmal nicht ungeschoren davonkommen zu lassen. Zum Glück für die Kapitalisten hatte der „rote Spuk“ jedoch schon am letzten Freitag sein Ende.

Nun standen Julian Assange und seine drohende Auslieferung in die USA im Fadenkreuz der Klicktivisten. Die Enteignungs-Sticker wichen in Windeseile #FreeAssange-Soli-Stickern und es wurden Onlinepetitionen angeklickt. So (hyper)aktiv war die Community selten. Bis dann Notre Dame Feuer fing. Nun solidarisierte man sich mit den Parisern, besorgte sich fix Je-suis-Notre-Dame-Sticker und überflutete die Netzwerke mit genau den Videos und Bildern, die zeitgleich die TV-Kanäle überfluteten; um sich tags drauf darüber zu kabbeln, ob eine brennende Kathedrale schlimmer ist als ein Flüchtlingskind, das im Mittelmeer ertrinkt und warum „wir“ so einen Wind um eine Kirche machen. Und wer weiß – vielleicht tragen die Sticker der Netzwerke zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels schon neue Slogans und es wird bereits die nächste Sau durchs virtuelle Dorf getrieben.

Die Karawane der Empörung ist in stetiger Bewegung und verharrt selten so lange an einem Ort, dass es ausreicht, der Empörung auch einmal Nachdruck zu verleihen. Und das ist der Punkt, an dem aus politischem Klick-Aktivismus Belanglosigkeit wird.

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