„Annektiert“ und gut drauf

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26-04-19 07:02:00,

Die Reise auf die Krim war lange geplant, erzählt Ernst-Ludwig Drayss (2). Dann kam die Abspaltung im März 2014. 14 von 18 Teilnehmern seiner Reisegruppe sagten den bereits gebuchten Urlaub auf der Halbinsel „wegen der unsicheren Situation“ wieder ab. Drayss, der in der Nähe von Frankfurt am Main lebt und aus beruflichen Gründen schon öfter in Osteuropa war, fuhr mit den verbliebenen Teilnehmern im Herbst 2014 trotzdem in den Urlaub auf die Krim.

Dort erlebte er Erstaunliches: Während seines zehntägigen Aufenthalts lernte Drayss eine völlig andere Krim kennen, als diese ihm zuvor zu Hause in Zeitung, Fernsehen und Radio vermittelt worden war. In vielen deutsch-sprachigen Medien war immer wieder von Unterdrückung, Gewalt und Mangelherrschaft auf der Krim die Rede. Von all dem fand sich jedoch keine Spur.

„Zwischendurch bekamen wir besorgte Mails von zu Hause (…): ‚passt auf Euch auf‘, ‚Kommt heil nach Hause‘. Vor Ort wirkten solche Nachrichten wie aus einer fremden Welt, die keine Vorstellung davon hatte, wie es hier tatsächlich aussah. Wir empfanden die Gefahr eines Sonnenbrandes als das einzig erkennbare Risiko.“

Drayss beschrieb seine Erlebnisse in einem Reisebericht vom Oktober 2014. Vor Ort auf der Halbinsel stellte er demnach fest, die große Mehrheit der Krimbewohner begrüßt die Zugehörigkeit zu Russland. Touristenmassen strömen durch die Badeorte. Es herrscht kein Mangel, die Läden sind voll. Überall gibt es schnelles Internet, überhaupt funktioniert von Müllabfuhr bis Post offenbar alles reibungslos. Selbst sein ukrainischer, putinkritischer Reiseleiter Yuri erklärte, dass Russland in sechs Monaten mehr Geld in die Krim investiert habe als die Ukraine in zwanzig Jahren.

Drayss schreibt:

„Der Widerspruch zwischen den ursprünglichen Vorstellungen über die Zustände auf der Krim und dem, was wir vorfanden, hätte kaum größer sein können. (…) ein komisches Gefühl angesichts der großen Diskrepanz zwischen dem von den Medien gezeichneten Bild und der erlebten Realität vor Ort. Unwillkürlich fragt man sich, ob wir nicht auch in vielen anderen Bereichen in einer medialen Scheinwelt leben.“

Die Leitmedien jedenfalls halten am negativen Bild fest, das sie von der Situation auf der Krim seit 2014 transportieren. Bis heute. Die Krimberichte der großen Medien gleichen sich dabei in vielen Aspekten. Sie heben Negatives hervor, schieben Positives an den Rand, verallgemeinern individuelle Fälle und spielen mit Assoziationen zur Sowjetunion.

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