Die Ernüchterungsanstalt

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26-04-19 07:06:00,

Das gesellschaftlich anerkannte Stockholmsyndrom, das die meisten Studienanfänger mit Stolz vor sich hertragen, nennt sich Abitur. Die „Allgemeine Hochschulreife“. Die zeitlich langwierigste Prüfung in dieser Reihe ist die Deutsch-Abitur-Prüfung. Wer sie mit null Punkten absolviert, erhält die allgemeine Hochschulreife nicht. Selbst wenn er in allen anderen Fächern mit einer Eins bestanden haben sollte.

Während beispielsweise im Mathe-Abitur das gesamte „Schülervieh“ durch den gleichen Fleischwolf aus Zahlen und Variablen gekurbelt wird, können sich die Abiturienten bei der Deutsch-Prüfung für eine Schlachtbank ihrer Vorliebe entscheiden. Sie erhalten entweder einen Sachtext, einen dramatischen oder einen lyrischen Text. Den ausgewählten müssen sie dann analysieren.

Wir wollen heute einmal einen Blick auf die Prüfung mit einem lyrischen Text, also einem Gedicht werfen. Hier wird die Absurdität unseres Schulsystems, respektive des Glaubens daran, deutlich. Als Prämisse gilt: Man könne Lyrik in Zahlen erfassen und analysieren wie einen Programmiercode.

Zur Deutsch-Abitur-Prüfung muss man nicht nur sein gepauktes Wissen über Stilmittel, Reimformen und Metren, außerdem Nervennahrung und genug zu trinken mitnehmen. Auch ausreichend Sitzfleisch ist gefordert. Diese Prüfung dauert sage und schreibe fünf Stunden. Eine Zeitspanne, die erst einmal zäh klingt – doch während dieser Prüfungszeit befindet man sich, so scheint es, auf einem anderen Planeten, auf dem die Uhren schneller gehen.

Um Punkt 9 Uhr gibt die Lehrkraft das Signal, die Bögen aufzublättern. Ein synchrones Rascheln erfüllt für zwei Sekunden den Raum, Füller werden gezückt, wie Soldaten ein Gewehr entsichern, und los geht es! Der Feind befindet sich auf dem weißen Blatt. Es ist ein Gedicht eines namhaften Lyrikers der letzten hundert Jahre, das vom Kultusministerium auf die Schüler losgelassen wird.

Jede Strophe ist eine Staffelformation, die zerlegt werden muss. Metrum erkennen und dokumentieren. Stilmittel herausfiltern. Interpretieren, „was der Autor uns damit sagen möchte“. Das Ganze zu Beginn mit der Illusion, fünf Stunden wären reichlich Zeit. Diese Illusion weicht aber sehr schnell dem immer lauter werdenden Ticken der Uhr, die die bedrohlich näher rückende Abgabe unentwegt ankündigt.

Weiterschreiben! Weiterdenken! Vom Denken verursachte Rauchschwaden über den Köpfen, blaue Blutlachen und -flecke auf dem Notizzettel und an den Fingern. Trümmerhafte Überreste der Nervennahrung liegen als Brösel auf dem Tisch verteilt. Das Wasser aus den Wasserflaschen wurde unlängst in Schweiß umgewandelt, der von der Stirn heruntertropft, zwischen den Fingern klebt und sich mit jeder weiteren halben Stunde vermehrt.

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