Der stille Alptraum

der-stille-alptraum

27-04-19 09:26:00,

Anfang Februar dieses Jahres erschütterte der Tod einer elfjährigen Grundschülerin in Berlin die Republik: Das Mädchen unternahm nach Mobbing-Erfahrungen in ihrer Schule einen Suizidversuch und starb an dessen Folgen. Der Anti-Mobbing-Trainer Carsten Stahl brachte den tragischen Vorfall an die Öffentlichkeit. Vor Eltern der Grundschule führte er einige Tage später betroffen aus:

„Der Fisch stinkt vom Kopf her. Wie viele Menschen müssen sich noch wegen Mobbing das Leben nehmen? Wann kapieren unsere Politiker und Schulverantwortlichen endlich, dass hier etwas passieren muss?“ (1).

Mich selbst hat die Nachricht vom Tod der Schülerin zutiefst schockiert. Seit Jahren mache ich als Experte für die Prävention von Schulgewalt auf diese verborgene und tolerierte Gewalt aufmerksam — ohne irgendeine Reaktion seitens der Politik, der vorgesetzten Schulbehörden, Lehrer- und Elternverbänden oder TV-Magazine. Am 6. Februar stellte ich in einem Fachartikel die Frage:

„Wie viele Schülerselbstmorde verträgt eine Gesellschaft, bevor sich betroffene Eltern und Lehrkräfte dazu aufraffen, das Opferwerden durch Gewalt — diesen ‚stillen Alptraum‘ — nicht mehr zu tolerieren, sondern zu stoppen? (2).

Nachdem ich wiederum keine Reaktion erfuhr, wandte ich mich in einer kurzen E-Mail an Carsten Stahl. Er war der Einzige, der reagierte — und seitdem stehen wir täglich in Kontakt. Für den 11. April luden wir zu einem Hintergrundgespräch zum Thema „Stoppt Mobbing an Schulen“ ein. Über 80 Schulführungskräfte, Lehrpersonen, Schulpsychologinnen, Schüler, Journalisten, Kriminalbeamte und andere Interessierte kamen in die „Freie Schule Lindau“. Carsten Stahl erzählte offen von seiner Lebensgeschichte als Mobbingopfer, Krimineller, TV-Aktionsheld, Familienvater, Anti-Gewalt-Trainer und Initiator der nationalen Kampagne „Stoppt Mobbing“. Inzwischen engagiert er sich an Schulen in ganz Deutschland gegen Mobbing und Gewalt. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ führte er 2017 an:

„Mobbing ist wie ein Krebsgeschwür. Es fängt ganz klein an und wird immer größer“ (3).

Carsten Stahl ist laut, humorvoll, direkt, einfühlsam und voller Energie. Die Teilnehmer des Treffens konnten in den zwei spannenden Stunden eine Vorstellung davon bekommen, wie er auch Schüler begeistert, wenn er sie über Mobbing aufklärt. Videos seiner Veranstaltungen bestätigen, wie offen sich die jungen Zuhörer ihm anvertrauen — ob Opfer, Täter oder Mitläufer. Er ist im wahrsten Sinne ein „Jugendflüsterer“.

Es ist seine Authentizität, weswegen man ihm gerne zuhört, ihm vertraut: Er steht zu seinen Stärken und Schwächen,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: