Die Spanner-Diktatur

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27-04-19 09:21:00,

Als am 20. Mai 2013 ein damals noch unbekannter Edward Snowden, Mitarbeiter der National Security Agency (NSA), mit zwei Laptops und vier Festplatten im Gepäck von Hawaii nach Hongkong flog, sollte dies zur Aufdeckung des größten Überwachungsskandals der Nachkriegszeit in einem westlichen Staat führen. Die Daten, die die illegalen Aktivitäten des Nachrichtendienstes dokumentierten, stellte Snowden unter großen Schwierigkeiten dem Bürgerrechtsanwalt Glenn Greenwald zur Verfügung. Letztlich stellte sich heraus, dass die NSA praktisch jeden Bewohner der westlichen Länder ohne konkreten Anlass automatisiert überwachte und bei Bedarf in praktisch jedes technische Gerät eindringen konnte.

Glenn Greenwalds Enthüllungsbuch trägt daher den zutreffenden Titel No Place to Hide. Neben der konkreten Beschreibung von beklemmenden Aktivitäten der NSA legt Greenwald auch dar, welche Veränderungen eine Totalüberwachung auf das Verhalten des Einzelnen und damit auf die Gesellschaft hat.

Der Sturm des Protestes, der für einige Wochen tobte, ist jedoch inzwischen nicht mehr wahrzunehmen, juristische Schritte sind versandet. Greenwalds Überlegungen spiegeln letztlich die Gefahren wider, die der französische Philosoph Michel Foucault als Panoptismus bezeichnet hatte: die soziale Konformität des Individuums unter Überwachung. Greenwald wendet sich vehement gegen die Idee, Privatsphäre sei nicht so wichtig (1):

„Unter Beobachtung anderer Leute fällt man eher Entscheidungen, die sozial orthodox sind und mit äußeren Erwartungen einhergehen (…) wir verlieren einen Teil von dem, was es bedeutet, ein kritisches und erfülltes Individuum zu sein. Es ist schwer, die Leute zu überzeugen, dass Privatsphäre wichtig ist, denn sie bringen das Gegenargument, sie hätten nichts zu verbergen. Das stimmt nicht, denn man will vieles privat halten, man braucht einen Platz, wo man ohne Beobachtung denken und erforschen kann (…) das Verhalten verändert sich unter Beobachtung, wie viele Studien zeigen. Es ist Privatheit, wo eigenständige Kreativität und Individualität exklusiv residieren. Man kann durch Beobachtung Bevölkerung in einen Zustand der Angst versetzen, wo sie selbst ihre politischen Rechte aufgeben. Jene an der Macht verstehen: Man muss diese nicht exzessiv anwenden, nicht die Leute in Lager stecken, es genügt die hinterhältigere Art, die Leute wissen zu lassen, dass die Macht der Regierung keine Grenzen kennt.“

Da wohl jeder, der zum Lauf der Welt beitragen kann, von Snowdens Enthüllungen gehört hat, ist die Weltbevölkerung heute praktisch schon unterworfen — zumindest in dem Sinne, dass kein Individuum sich bei digitaler Aktivität noch völlig unbeobachtet fühlen kann.

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