Das scheinbar ganz normale Leben

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28-04-19 11:40:00,

Wolfgang Bittners Roman „Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen“ ist ein Stück fesselnd geschriebener Zeitgeschichte. Dem Autor gelingt es, Privates mit gesellschaftlichen Ereignissen zu verknüpfen und ein reales Mosaik des gesellschaftlichen Klimas der Kriegs- und Nachkriegszeit entstehen zu lassen. Eine Rezension von Winfried Wolk.

„Banausen und Spießbürger, wohin man blickt“, lässt Wolfgang Bittner fast am Ende seines Romans den Großvater zu seinem Enkel sagen. Da leben sie schon jahrelang im Westen Deutschlands, weit von der verlorenen Heimat entfernt und das Kind, die Hauptperson des Romans, ist schon zwölf Jahre alt.

Im Jahre 1941 in einer gutbürgerlichen deutschen Familie in Gleiwitz in Oberschlesien geboren, erlebt es wie die meisten der in Deutschland in diesen Jahren Geborenen eine Zeit, die anfangs noch scheinbar normal, immer weiter außer Rand und Band gerät und letztlich in einer unaufhaltsamen und ewig nachwirkenden Katastrophe endet. Das desaströse Kriegsende hat die einstmals eng beieinander lebende Familie weit im Land verstreut, den einstigen Besitz der Angehörigen, Freunde und Verwandten und deren Lebensprogramme vernichtet.

Der Wahnsinn des Krieges – Aus Sicht eines Kindes

Das Kind erlebt den Wahnsinn dieser Zeit, auch wenn es von Vielem die Bedeutung noch gar nicht kennt, gar nicht kennen kann. Es sieht Männer, denen Gliedmaßen fehlen und die mühsam an Krücken gehen, erlebt die Tante, die eine Vergewaltigung erleidet und nur schwer verkraftet, spürt die Angst der Erwachsenen beim Einschlag der Bomben, übersteht die heillose Flucht auf dem Zugdach, Überfall und Gewalt, Mord und Totschlag. Alles das wird für das Kind das scheinbar ganz normale Leben. Bittner gelingt es auf großartige Weise, Privates mit den gesellschaftlichen Ereignissen so zu verknüpfen, dass ein bestechend reales Mosaik des gesellschaftlichen Klimas der Zeit sichtbar wird.

In den vielen, oft kontroversen Diskussionen der Erwachsenen holt der Autor wichtige historische Details ans Licht, die uns heute einen Blick auf die oft wenig bekannten oder gern verdrängten Fakten erlauben, und offenbart auf diese Weise oft lange Zeit verborgene Hintergründe der Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Tatsache, dass Viele gern bis zuletzt den optimistischen Prophezeiungen glauben und damit der verbreiteten Propaganda zum Opfer fallen, auch wenn die Fakten ganz andere Erkenntnisse nahe legen, ist ein Phänomen, das wahrscheinlich zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft die Durchsetzung noch so absurder Ziele ermöglicht.

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