Lieber dazu gehören, als aufgeklärt sein

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30-04-19 12:38:00,

In vielen kritischen Analysen zum Zeitgeschehen und zur Meinungsbildung wird Sprache als Manipulations-Instrument dargestellt. Dazu wird sie leider auch häufig genutzt. Hier und hier und an vielen weiteren Stellen haben die NachDenkSeiten sich damit beschäftigt. Sprache hat aber auch noch andere wichtige Funktionen. Das wurde mir bewusst, als ich darüber nachdachte, warum wir mit unserer Aufklärung nicht wirklich vorwärtskommen und das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. Sprache schafft Identität in und für Gruppen, dient sozusagen als deren Klebstoff. Anette Sorg.

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Das Miteinander-Sprechen hat also nicht nur die Funktion, Informationen zu übermitteln. Es ist darüber hinaus eine Form des sozialen Handelns und Verhaltens. Friedemann Schulz von Thun, ein bekannter Kommunikationswissenschaftler, hat die vier Ebenen der Kommunikation anschaulich mit dem 4-Ohren-Modell beschrieben.

In der Alltagssprache verwenden wir alle – je nachdem, in welcher Gruppe wir uns gerade befinden – eine bestimmte Art der Kommunikation, manchmal mehr als das: wir nutzen bestimmte Codes. Auszubildende in einem Betrieb sprechen untereinander anders als sie mit ihren Vorgesetzten und Ausbildern sprechen; mit ihren Kumpels im Sportverein unterhalten sie sich anders, als mit ihrem Hausarzt. Eine Verkäuferin spricht mit ihren Kunden anders als mit ihren Kindern. Unzählige Bücher und fast ebenso viele Comedians befassen sich auf mehr oder weniger humorvolle Weise mit den Unterschieden zwischen Frauensprache und Männersprache. Unsere regionalen Dialekte sind im Berufsalltag nicht angebracht, im privaten Kontext nutzen wir sie häufiger. Die Sprache von Experten untereinander verstehen die jeweiligen Nicht-Experten nur in Ansätzen. IT-Spezialisten, Mitarbeiter eines Forschungslabors, Manager, Behördenmitarbeiter: alle jonglieren mit vertrauten Begriffen und Abkürzungen, die andere von der Kommunikation weitestgehend ausschließen, die Kommunikation untereinander allerdings erleichtern. Darüber hinaus ist diese Gruppensprache geeignet, eine Zugehörigkeit, eine Verbindung darzustellen, die nicht explizit erwähnt werden muss. Sie wird durch die gemeinsame Sprache manifestiert.

Sprache schafft eine Gruppenidentität.

Dieser kurze theoretische Abriss erhebt keinerlei wissenschaftlichen Anspruch. Er ist jedoch hoffentlich hilfreich, wenn ich Sie auf folgende Beobachtungen und Erlebnisse hinweise:

Immer wieder höre ich in unterschiedlichen Kontexten von unterschiedlichen Personen dieselben Begriffe. Ich nenne sie Signalwörter. Gelegentlich werden sie nur ganz nebenbei eingeworfen und widersprechen manchmal sogar der eigentlichen Botschaft: Da wurde lange von „Fassbomben,

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