Klassenkampf 2.0

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01-05-19 08:26:00,

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist eine Geschichte von Klassenkämpfen“, heißt es im Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels von 1848. Damals, zur Hochzeit der Industrialisierung, waren die eigentumslosen Arbeiter den Fabrikbesitzern weitgehend rechtlos ausgeliefert. Achtstundentag, Urlaubsansprüche, Krankengeld, Rente, Gleichstellung der Frau: Was damals in weiter Ferne lag, ist heute in den Industrienationen gesetzlich geregelt. Ist Klassenkampf deshalb Geschichte? Selbst Gewerkschaftsführer suggerieren das. Sie predigen von „Sozialpartnerschaft“ zwischen Unternehmen und Belegschaften. Ist Klassenkampf also obsolet? Mitnichten.

Heute ist der 1. Mai, eigentlich Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse, vielerorts zu einem Bier- und Bratwurstfest verkommen. Die Herrschenden haben ihn trefflich für sich vereinnahmt. Doch seine Geschichte spricht für sich. Am 1. Mai 1886 rief die nordamerikanische Arbeiterbewegung zum Generalstreik für den Achtstundentag auf. Sie lehnte sich dabei an Massendemonstrationen in Australien aus gleichem Anlass genau 30 Jahre zuvor an. Dort hatten Bauarbeiter und Steinmetze erstmals erfolgreich den Achtstundentag für sich erkämpft.

Die Bewegung schwappte auch nach Europa über. Karl Marx und Friedrich Engels stellten dieselbe Forderung auf dem Genfer Kongress der Ersten Internationalen 1866. Drei Jahre später hielt sie Einzug in das Eisenacher Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands. Doch deren Funktionäre im Reichstag setzten schon damals auf Kungelei mit den Mächtigen. Noch 1885 brachten sie einen Entwurf eines Arbeiterschutzgesetzes in den Reichstag ein, in dem die zentrale Forderung lediglich der Zehnstundentag für Arbeiter über 16 Jahre war.

So gingen weitere Jahrzehnte ins Land. Erst nach dem Ersten Weltkrieg und der blutigen Niederschlagung der Novemberrevolution schlossen Gewerkschaften mit 21 Industrieverbänden der Schwer- und Rüstungsindustrie ein erstes Abkommen über die Begrenzung der Arbeitszeit auf acht Stunden. Zur selben Zeit wurde in Deutschland übrigens das Wahlrecht für Frauen eingeführt — 25 Jahre später, als auf Neuseeland und den Cookinseln.

Der Aufstieg der NSDAP war indes bereits in greifbarer Nähe. Mit einer Mischung aus Antisemitismus, Deutschtümelei und national-sozialistischen Forderungen gebärdete sie sich scheinheilig als Arbeiterpartei. Kaum an der Macht, ließ sie ab dem 2. Mai 1933 die Gewerkschaftshäuser stürmen und ihre Protagonisten verhaften. Den 1. Mai vereinnahmte sie fortan für sich. Als „Tag der nationalen Arbeit“, passend zu ihrer völkischen und Klassengegensätze negierenden Propaganda, rief sie ihn zum Feiertag aus.

Die nächste Vereinnahmung ließ nicht lange auf sich warten. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die SPD ihren Kurs der Anpassung fort.

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