Güte unter Beschuss

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02-05-19 09:43:00,

Anhänger des kapitalistischen Menschenbildes sind keineswegs um Erklärungen für die Existenz altruistischen Verhaltens verlegen. Die wichtigsten wollen wir an dieser Stelle kurz erläutern.

„Kratz einen Altruisten und sieh einen Heuchler bluten“, Michael Ghiselin (1).

Hinter Heldentaten, wie sie bruchstückhaft im letzten Kapitel präsentiert wurden, glaubte der bereits erwähnte Bernard Mandeville nur blanken Egoismus leuchten zu sehen:

„Es liegt kein Verdienst darin, ein unschuldiges Kindchen zu retten, das nahe daran war, ins Feuer zu fallen. Die Handlung ist weder gut noch schlecht, und welchen Nutzen das Kind auch davon haben mag, wir verfahren dabei lediglich in unserem eigenen Interesse. Denn seinen Fall gesehen und nicht gestrebt zu haben, ihn zu verhindern, würde eine Pein verursacht haben, die der Selbsterhaltungstrieb uns zu vermeiden zwang“ (2).

Den schlichtesten, aber auch radikalsten Versuch, die Existenz des Altruismus zu widerlegen, unternehmen Vertreter des „psychologischen Egoismus“. Dieser beruht auf der Überzeugung, das Ziel hinter allem Verhalten und Streben des Menschen (auch dem unbewussten) sei nichts anderes als die Steigerung des eigenen Wohlbefindens und die Verwirklichung der eigenen Wünsche. Oder, um mit den Worten des französischen Philosophen François de La Rochefoucauld zu sprechen: „Unsere Tugenden sind meist nur verkappte Laster“ (3).

Diese Einschätzung der menschlichen Psyche entspricht natürlich exakt dem Menschenbild des Nutzenmaximierers. Denn die Schlussfolgerung für den psychologischen Egoismus lautet ganz einfach, dass hinter jeder guten Tat ausschließlich die eigentliche Motivation steckt, das persönliche Ansehen zu steigern, oder die Wonne des guten Gewissens. Der Mensch strebt demnach lediglich danach, durch seinen scheinbaren Altruismus sein eigenes Wohlbefinden zu erhöhen. Gern wird in diesem Zusammenhang auch auf die große Befriedigung verwiesen, die Organspender empfinden, oder das Glücksgefühl der Menschen, die einen Juden während des Holocausts versteckt haben (4). Somit erscheint der Beweis schlüssig erbracht und das kapitalistische Menschenbild bestätigt.

Die Logik hinter dem psychologischen Egoismus ist jedoch schlicht ein Zirkelschluss: Von Anfang an wird unterstellt, dass Menschen nur Dinge tun, die ihnen Genuss bereiten. Im Umkehrschluss wird dann gefolgert, dass jeder Tat der persönliche Genuss zugrunde liegt.

Mithilfe eines solchen Zirkelschlusses vermag der psychologische Egoismus freilich jede erdenkliche Handlung einsilbig zu erklären.

Matthieu Ricard dekonstruiert diese Denkrichtung auf eine sehr galante Weise:

„Die Schwäche des psychologischen Egoismus“, so sagt er,

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