Kevins Traum vom Sozialismus

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03-05-19 09:01:00,

Der Chef einer zweitrangigen politischen Organisation namens „Jungsozialisten“ erklärt der ZEIT in einem Interview am „Kampftag der Arbeiterklasse“, was er unter Sozialismus versteht, und Deutschlands Meinungslieferanten tun gerade so, als stünde der auferstandene Karl Liebknecht vor den Toren und drohe dem Michel, ihm seine Villen im Tessin wegzunehmen. Zeit, einen Gang herunterzuschalten. Es ist ja schön, wenn Juso-Chef Kühnert wenigstens eine Vision davon hat, wie ein moderner Sozialismus aussehen könnte. Seine Aussagen radikal aus dem Kontext zu reißen und sie als konkrete Forderungen darzustellen, ist absurd. Ein abgekartetes Polittheater, bei dem auch Kühnert und die ZEIT ihre Rolle eingenommen haben und alle Beteiligten ihren Schnitt machen – außer die Öffentlichkeit natürlich; die wird mal wieder für dumm verkauft. Von Jens Berger.

Es ist erst ein paar Wochen her, da regte ich mich hier auf den NachDenkSeiten noch über den „vergreisten“ Jungpolitiker Kevin Kühnert auf und forderte, dass er „auch mal ungestüm die rote Flagge hisst“. Das hat er nun getan und das ist auch gut so. Der Juso-Chef hat also doch Visionen. Man sollte diese Visionen aber tunlichst nicht mit konkreten Forderungen verwechseln. Im seit gestern heiß debattierten ZEIT-Interview ging es schließlich an keiner Stelle um die Tagespolitik oder gar konkrete Forderungen. Kühnert wurde vielmehr als Chef der Jusos aka „Jungsozialisten“ gefragt, was er sich heute unter „Sozialismus“ vorstellt und das hat der Kevin dann auch erzählt – wenn auch denkbar vage. Die teils penetranten Versuche der beiden Interviewer Jochen Bittner und Tina Hildebrandt, Kühnert auf konkrete Positionen festzunageln, prallten jedenfalls ungehört an Kühnert ab, der stattdessen fröhlich vor sich hin theoretisierte.

Dabei kann – und müsste – man Kühnerts Aussagen inhaltlich eigentlich schon kritisch kommentieren. Wenn er beispielsweise sagt, „ohne Kollektivierung [sei] eine Überwindung des Kapitalismus nicht denkbar“, so ist dies – wie so viele Aussagen im Interview – bedenklich unterkomplex und klingt eher nach einem marxistischen Kalenderspruch. Aber das haben Visionen nun einmal häufig so an sich. Und bevor die „politische Mitte“ nun Schnappatmung bekommt: Kevin Kühnert fordert doch gar keine Kollektivierungen. Er nennt sie nur als Bedingung für eine demokratische Kontrolle der Verteilung der Unternehmensgewinne. Das ist zwar auch Unsinn, aber es ist doch immer noch besser, wenn ein Juso-Chef linken Unsinn erzählt, als wenn er den Agenda-Kurs seiner Partei mit Zähnen und Klauen verteidigt.

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