Entwicklung durch Auswanderung? Der Fall Haiti

entwicklung-durch-auswanderung?-der-fall-haiti

04-05-19 09:33:00,

Wäre es so, dass die Rücküberweisungen von Migranten in ihre Heimat dort entscheidende Entwicklungsimpulse auslösten, dann müsste es Haiti prächtig gehen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Von Dr. Alexander King[*].

Haiti gilt als der ärmste Staat Lateinamerikas. 11 Millionen Menschen leben in dem Karibikstaat. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 60 Jahre und liegt damit erheblich unter der ihrer Nachbarn in Kuba (80 Jahre) und der Dominikanischen Republik (74 Jahre). Die Kindersterblichkeit liegt bei fast 7% und damit so hoch wie nirgendwo sonst in Lateinamerika. Das Prokopfeinkommen lag 2017 bei 765 US-Dollar, zum Vergleich: In den USA lag es bei 59.532 US-Dollar. Ein Verhältnis von 1:78. Selbst wenn man die Kaufkraftparität in die Gleichung hineinrechnet, lag das Verhältnis bei 1:33. Dass eine solche Asymmetrie Migration auslöst, liegt nahe. Aber es bedurfte weiterer Faktoren, um aus der Migration, die in überschaubarem Maße immer stattgefunden hat, eine Massenabwanderung zu machen.

Noch 1960 lebten gerade mal 5000 Haitianer in den USA, 2015 waren es bereits 676.000. Insgesamt wird die Zahl der im Ausland lebenden Haitianer heute auf 2 Millionen geschätzt. Die Massenmigration setzte Mitte der 80er Jahre ein. Damals machte sich die Weltbank an die Umsetzung eines neoliberalen Entwicklungsprogramms. Sie setzte durch, dass die haitianischen Außenzölle radikal herabgesetzt wurden. Ernährungssicherheit sollte nicht mehr durch die eigene Produktion und über lokale Märkte, sondern durch den Zugang zu günstigen importierten Nahrungsmitteln hergestellt werden.

Dass die Bauern, deren Märkte in der Folge von Importwaren aus den USA überschwemmt wurden, ihre Dörfer würden verlassen müssen, hatte die Weltbank eingepreist. Sie sollten künftig in kapitalistischer Lohnarbeit ihr Geld verdienen, um die importierten Produkte kaufen zu können. Landflucht und ein explosionsartiges Wachstum der Hauptstadt Port-au-Prince waren die Folge. Doch die neuen Sweatshops, die die frei gewordene Arbeitskraft aufnehmen und zu Sonderkonditionen Textilien für den Weltmarkt produzieren sollten, entwickelten sich nicht gut. Die Konkurrenz aus Asien erwies sich als zu stark. Schon bald richtete sich die Migration deshalb auf das Ausland.

Migration muss von Beginn an als Teil der neoliberalen Entwicklungsstrategie begriffen werden. Diese Strategie setzt auf volle Beweglichkeit und – für das Kapital – „optimale“ Verteilung aller Produktionsfaktoren, einschließlich der menschlichen Arbeitskraft, über die freien globalen Märkte. Die Rücküberweisungen der Migranten passen insofern in dieses Konzept, als sie die Familien zuhause,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: