Ein deutsches Lebensbild | KenFM.de

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06-05-19 12:37:00,

Neuer Roman von Wolfgang Bittner über Heimat, Krieg und den „Goldenen Westen“

Rezension von Harry Popow.

Da berichtet der Autor Wolfgang Bittner von einem Knaben, der in Schlesien, genauer in Gleiwitz, aufwächst, der den Überfall Hitlerdeutschlands auf die UdSSR, den Krieg und die Vertreibung aus Schlesien – ohne so richtig zu begreifen was geschieht – miterleben muss. Und wie das Kind, das der Romanautor nach der Umsiedlung in den Westen Junge nennt, so ganz langsam erfasst, was geschehen ist und sich für Politik zu interessieren beginnt: Er, der Junge, kommt später zu der Meinung, „…dass viele nur daran interessiert sind, sich gemütlich einzurichten, ihren Geschäften nachzugehen, und von der überregionalen Politik nichts wissen wollen“. Das ist die Realität: Man gibt vor, die Vergangenheit sei bewältigt. Man ruft auf zum Spaß haben, zur Toleranz, zur Freiheit, zur freien Selbstverwirklichung des ICH. Man sei offen und eben „anders“. Entpolitisierung ist das Stichwort.

Um es vorwegzunehmen: Das Buch des Autors Wolfgang Bittner ist ein Knaller. Es ähnelt weniger einer Autobiografie, sondern eher einem Protokoll mit gründlich recherchierten historischen Details über die Zeit von 1942 bis in die 50er-Jahre. Man könnte annehmen, diese Zeitspanne sei aufgearbeitet und die Folgen seien überwunden; umso mehr beschleicht den Leser das Gefühl und die Erkenntnis, dass doch noch nicht alles erledigt ist.

Das Dokumentarische, das sich vom Anfang des Buches bis zum Ende nahezu lückenlos durchzieht, bildet den Hintergrund für die Geschichte des Kindes und seiner Eltern und Verwandten: Das Leben während der Nazi-Zeit, die Gräuel an der Ostfront, der Goebbels-Ausruf, es gehe um den Kampf gegen den Bolschewismus, das Potsdamer Abkommen, die Umsiedlung der schlesischen Bevölkerung von Ost nach West, die Gründung der Bundesrepublik und die beginnende Remilitarisierung.

Besonders interessant: Der Autor führt das Beziehungsgeflecht der Verwandten so gekonnt vor, dass durch deren persönliche Motive, Aussagen und Dialoge die Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse sowohl unter der Nazidiktatur als auch unter den Bedingungen der freien Marktwirtschaft klar hervortreten. Durch die Identifizierung mit oder auch durch die Distanzierung zu einzelnen Romanfiguren stellen sich ganz neue Sichtweisen auf die Geschichte und auf die Manipulierungsmethoden und damit ein enormer Gewinn an Erkenntnissen über das Problem Krieg und Frieden ein. Eine literarische Vorgehensweise,

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